Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1882)
- Date
- 1882-09-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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197 Die ersten Königsdynastien in Israel gehören nicht den hochangesehensten, den mächtigsten und einflußreichsten Geschlechtern des Volkes an. Ganz im Gegenteile! Samuel spricht „alle Schätze Israels" dem Manne zu, der „dem unbedeutendsten der Geschlechter Benjamins angehört und einem Stamme, welcher der kleinste in Israel war." Lautete doch auch der Huldigungsgruß so mancher: „Was kann uns der helfen?" Erst die unerwarteten Siege Sauls gaben die Antwort auf diese Frage. Ebensowenig schien die Gestalt des Hirtenknaben David dem König Saul, dessen Tron er später einnehmen sollte, und dem Riesen Goliath, den er schmählich besiegte, sonderlich zu imponiren. David, der jüngste Sohn Jsais aus Bethlehem wurde König in Israel. Es wäre ein vollkommenes Verkennen der Thatsächlichkeit, ein Misverstehen der Geschichte und des Geistes Samuels, wollte man hier die längst hinfällig gewordene Phrase gebrauchen, der herrschsüchtige Priester suchte sich gefügige Werkzeuge seiner Pläne und Absichten. Das Alter Samuels, und seine Thätigkeit, die nur der Schule, dem geistigen und religiösen Leben des Volkes angehört, die nur der Heranbildung gottbegeisterter Jünglinge sich zuwendet, widerlegt solche unbegründete Anklage Samuels. Saul und David waren Heldencharaktere, nicht angelegt willenlose Werkzeuge zu sein und andern Zwecken zu dienen, hatten beim Regierungsantritte alsbald einen bestimmten Plan, den sie zur Durchführung zu bringen suchten. Sah Saul in dem Königsberufe nur den Krieger, den Helden, der mit starker Hand den Feind abzuwehren, Israel zusammenzuhalten und dadurch für allezeit wehrfähig und somit unangreifbar zu machen hatte, so war David die Vollendung der großen Idee Samuels, der König, der sein Volk kräftig nach Außen, gefürchtet von den Nachbarvölkern, stark im Innern durch ein gehobenes Selbstbewußtsein, durch erhöhte Intelligenz, durch edle, reine sittliche Gottesverehrung und durch Begeisterung für die Religion darzustellen strebte. Salomo, der weiseste König des Morgenlands und der Weise Israels ist auch nicht König durch Geburt, durch überkommenes Recht, er ist der jüngste Prinz aber durch seine frühzeitig entwickelte Fähigkeit der zur Regierung geeignetste. Sein Sohn Rehabeam, der schon auf Erbrecht und Verdienste des Vaters pochende Sohn, muß durch die Volkes- und Gottesstimme seine Unfähigkeit erfahren, und ohne es abwenden zu können, sehen, wie der Sclave seines Vaters, der Sohn einer Wittwe, der aber trotz dunkler Herkunft ein tüchtiger Mann war — was schon dem scharfen Blick Salomon's nicht entgangen war —, den fünffachen Teil seines eigenen ererbten Reiches erhielt und mit kräftiger Hand behauptete. Den Grundgedanken des Judentums, die Herrschaft der Tüchtigkeit, trug eigentlich das Reich Israel an sich und gieng durch diesen Grundgedanken, als die wirkliche Fähigkeit nicht mehr am Trone saß, zu Grunde. Das Reich Juda vertrat die entgegengesetzte Idee, die erbliche Dynastie, das erbliche Priestertum. Die Herrschaft der Tüchtigkeit in den beiden Lebensquellen des Volkes, Staat und Religion, war damit wol nicht ausgeschlossen, aber nicht Prinzip, nur Zufall, dafür aber besaß das Judentum und das jüdische Volk ein Medium, das ihm immer reichlich den Lebensstroni der Fähigkeit und des Genies in Religion und Regierung zuströmen ließ, das war das Prophetentum Israels. Der Prophet Israels ist eine wunderbare Erscheinung, wie sie kein Volk der Erde, keine Religion mehr hervorbrachte. Das war der fähigste und tüchtigste Mann Israels und seiner Zeit, auf den der Geist Gottes sich herabgelassen hatte, und der kraft dessen „bestellt war über Völker und Regierungen, auszurotten und zu