Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 191 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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191 meiner Gattin ruhet. Bald war zu unserem Unglücke sein Betragen kein Geheimnis mehr und eines Abends wurden wir beide angehalten und in die Gefängnisse der heiligen Inquisition geschleppt. Worte vermögen nicht die Abscheulichkeiten zu schildern, welche dieser Gerichtshof in seinem Verfahren beobachtete. Mitteilungen. Berlin, im Juni 1882. Einer unserer Weisen antwortet auf die Frage, woran hauptsächlich das Heiligtum in Jerusalem untergegangen, daß dies besonders durch die Worte „was kümmerts mich" geschehen sei. — Eine gleiche Antwort müssen wir Juden uns geben, wenn wir uns fragen, wie es gekommen, daß plötzlich in Deutschland, in Rußland und in Oesterreich ein Judenhaß entbrannt sei, dessen Consequenzen wir in den täglichen Zeitungsberichten, ganze Spalten füllend, lesen können.— Seit den Tagen Moses Mendelssohns haben die Juden in Deutschland mit allen Kräften dahin gestrebt, aus dem Ghetto, dem geistigen und körperlichen, herauszukommen und ins Leben einzutreten, aber was ist geschehen, um auch ein wenig die Religion befähigt zu machen, mit dem Juden in das bürgerliche Leben zu gehen? — Antwort: Nichts! Die Religion des Ghetto, der Codex aus dem dunklen Mittelalter sollte den Juden begleiten, als er — ein vollberechtigter Bürger — in die Reihen seiner christlichen Landsleute trat und was war die Folge? — Der ganze Ballast wurde als unbrauchbar bei Seite geworfen; weil man nicht mehr Tefillin legen, nicht mehr die bei den Vätern gebräuchlich gewesene Sabbat-Feier halten, koscher essen konnte u. s. w. — glaubte man auch den Glauben an Gott, an seine geoffenbarte Lehre wegwerfen zu müssen.— Und die Juden, die so entstanden sind, die Juden, die als solche zwar geboren, aber von ihrer Religion häufig weniger wissen, als von der der Bewohner der Samo-Inseln, das sind die, welche uns zuerst den Zorn der christlichen gläubigen Geistlichen und Laien durch den Cynismus, mit dem sie über Religion und alles was daran hängt, schreiben und sprechen, zugezogen haben.— Es soll hier nicht die Rede sein von den wüsten Hetzern, denen die ganze Sache ja nur eine Magenfrage ist, um bei dem Schreien sich so bequem wie möglich zu ernähren, sondern von dem Vorurteile, ja Haß gegen Juden bei ganz ernsten und gebildeten Leuten in Deutschland und namentlich in der Hauptstadt des deutschen Reiches, in Berlin. Und diesen Leuten gegenüber genügt es nicht, daß man eine Notabeln- Versammlung beruft, die resultatlos auseinander geht; oder daß ein obscurer Literat im Börsen-Courier oder derartigen Blättern wieder schimpft; oder daß man in vornehmes Schweigen sich hüllt und die Dinge eben gehen läßt, wie sie wollen — sondern den anständigen christlichen Brüdern gegenüber wäre es angezeigt, daß wir endlich einmal gründlich „forschen im Hause nach Gesäuertem beim Lampenscheine." Diejenigen aber, die dazu eigentlich berufen sind, die Rabbiner der jüdischen Gemeinde Berlins — was haben sie bisher gethan, um auch bei den Juden der Residenz das Gefühl zu erwecken, daß wir Juden selbst Hand anlegen müssen, um solche Hetzen für immer unmöglich zu machen? Nicht's! Oder doch! Pardon! Da erhalten wir vor einigen Wochen unter Couvert, adressirt an jeden steuerzahlenden Israeliten Berlins, ein durch Litographie vervielfältigtes Circular, unterzeichnet „das Rabbinat der jüdischen Gemeinde zu Berlin" des