Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 190 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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190 gebend, ihrer Religion dem Scheine nach zu entsagen, und sich den isr. Familien anzuschließen, welche unter dem Namen Marannen oder Onsim bekannt dort leben, und welche, da ihr Uebertritt aus Zwang und nicht aus Ueberzeugung geschah, nur äußerlich dem Christentum, km Herzen nach aber dem Judentum angehörten. Obwohl dem Kenner des menschlichen Herzens diese Erscheinung eine ganz natürliche sein wird, so war dennoch die Inquisition gegen die Scheinchristen ungemein erbittert, ergriff die strengsten Maßregeln gegen sie, und ihre unmenschlichen, barbarische Bestrafungen werden künftigen Geschlechtern als Gemälde einer wahnsinnigen Einbildung erscheinen, so schwer wird es fallen, diese mit kaltem Blute verübten und alle Beschreibung übertreffenden Grausamkeiten zu glauben. Mein Urgroßvater, obschon er fleißig die Kirchen besuchte und die Rolle eines guten Katholiken spielte, hatte im Geheimen seinen Sohn, meinen Großvater beschneiden lassen, welcher es ebenso mit meinem Vater, Don Cäsar, machte; dieser aber, bei welchem der Eifer für die väterliche Religion erloschen war, ließ mich taufen und im katholischen Glauben erziehen, das that er aber nicht etwa als eine Pflicht, die ihm das Gewissen vorschrieb, denn er selbst war nicht gläubig, sondern erst dann, als er mit Schrecken sah, daß die fürchterliche Rache der Inquisition von Tag zu Tag zunahm, und derselben immer mehr Opfer fielen, beschloß er, gänzlich dem Judentume zu entsagen, und seine Kinder zu vollkommenen Katholiken heran zu bilden. Seine Pläne scheiterten aber an der Willenskraft meiner Mutter, die, noch einen Rest vom Judentum im Herzen bergend, mich, meine zwei Brüder und meine Schwester von der zartesten Jugend an gewöhnte, das Heil unserer Seele nur im jüdischen Glauben zu finden. Dadurch entstanden zuweilen in der Familie kleine Streitigkeiten, welche aber bald beigelegt waren, weil Don Caesar seine Frau zärtlich liebte. Wir wuchsen heran und unsere Erziehung rückte ihrer Vollendung nahe. Ich bestimmte mich dem Studium der Medizin und machte nicht unbedeutende Fortschritte darin; meine Schwester von bezaubernder Schönheit, wurde an einen vornehmen Hidalgo verheiratet und alles schien sich zu unserem Glücke zu vereinigen, als wir mit einem Schlage vom Gipfel desselben herabgestürzt wnrden. Eine-verheerende Seuche raubte mir in einer Woche Mutter, Schwester und beide Brüder. Mein Kummer war grenzenlos; jedoch die Verzweiflung meines Vaters zu schildern, ist unmöglich. Der am Marke seines Lebens nagende Schmerz brachte ihn an die Pforten des Grabes, und nur nach langer Zeit erlangte er Leben und Bewußtsein des erlittenen unersetzlichen Verlustes wieder. Von dieser unheilvollen Zeit an war sein Charakter völlig verändert; er war niürrisch, empfindlich, seine Augen wild rollend, und ich erkannte bald, daß peinliche Gefühle beständig sein Herz bestürmten. Es stand auch nicht länger an, so erfuhr ich das schreckliche Geheimnis, welches ihn quälte. Mein Vater, von unaufhörlichen Gewissensbissen gefoltert, schrieb der Lauheit seiner religiösen Gesinnungen, die ihn betroffenen Unglücksfälle zu und diese Stimine des Gewissens sagte ihm, daß die Zeit der Verstellung vorüber sei, und daß er auch vor den Augen der Welt als das erscheinen müsse, was er längst schon im Herzen war. Vergebens bewies ich ihm die Gefahr eines solchen Unternehmens, vergebens schilderte ich ihni die Leiden der Unglücklichen, die in die mörderischen Hände der Inquisition geraten, vergebens beschwor ich ihn bei seiner Liebe zu mir; Er wollte mich nicht anhören. Ich bin strafbar vor Gott und muß meine Sündenschuld sühnen rief er verzweiflungsvoll. Und machte ich ihm den Vorschlag, aus Spanien zu fliehen, so entgegnete er, ich muß da sterben, wo die Hülle