Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Der Beamte, nachdem er das Schreiben gelesen, rief mir höhnisch zu: „Bemühen Sie sich nicht, das Mädchen ist schon gesunden." Wo denn? fragte ich erfreut, worauf er mir sagte, gestern habe der nach Jregh zuständige Zimmermeister Theiß erzählt, das Mädchen sei in verstümmeltem Zustande auf meinem Hausboden gefunden worden. Diese Nachricht drückte mich völlig zu Boden, und meine tiefe Verzweiflung war auf meinem Gesichte zu lesen, denn der fremde Herr bemitleidete mich und sagte zum Beamten, er solle auf das Gerede der Leute, bevor die Sache nicht bewiesen sei, keinen so großen Wert legen, sondern mir beim Suchen des Mädchens zur Hand zu sein. Er selbst ging zu den Arbeiterinneil und frug, ob nicht hier ein Mädchen aus Jregh, Namens Julie, (einen anderen Namen kannte ich nichts sei, die seit 2—3 Wochen sich bei ihrer Tante aufhalten solle. Nach mehreren Aragen meldete sich endlich ein Weib, welches angab, ihre Schwestertochter sei aus Jregh, befinde sich seit 14 Tagen bei ihr, gegenwärtig ist sie um Wasser gegangen. Von freudiger Hoffnung erfüllt, eilte ich in Begleitung des Weibes den Weg, der zürn Brunnen führte, entlang und erkannte in dem mir entgegenkommenden Mädchen zu meiner größten Freude meine gesuchte Magd. Als mich das Mädchen erblickte, war auch sie überrascht, eilte auf mich zu, küßt mir die Hände und wich nicht von meiner Seite. Ich erklärte ihr, sie müsse mich sofort nach Jregh begleiten, wozu sie ohne Weiteres gern bereit war. Ich kehrte mit dem Mädchen, nachdem ich dem fremden Herrn für seine Mühe innigst gedankt hatte, nach Jregh zurück. Die Aufregung des Volkes kennend, ließ* ich das Mädchen, in Jregh angelangt, im Wagen aufstellen und fuhr direct zum Gemeindehause, nahm das Mädchen an der Hand und übergab sie dem Richter mit den Worten„Hier ist das Mädchen, das ich ermordet haben soll." Die Nachricht von dem Erscheinen des Mädchens verbreitete sich blitzschnell; das Volk war besänftigt und ich trat in Begleitung des Mädchens den Heimweg an, von einer Menge Menschen begleitet. Das Mädchen blieb noch weitere drei Jahre bei mir und lebt heute noch, wie auch die hier erwähnte Person — die Gräfin und die Hebamme ausgenommen, welche seit Jahren tot sind — alle leben und können die Wahrheit dieser Begebenheit bekräftigen. Die Hebamme starb, von Gewissensbissen und Angst gepeinigt, schon einige Tage nach dem Erscheinen des Mädchens. Ich hatte die Genugthuung, die Gräfin, die sich der Sache mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, annahni, öffentlich blamirt zu sehen. Eine andere Satisfaetion wurde mir nicht zu Teil. Leopold Weiß. Für die Wahrheit der hier beschriebenen Begebenheit bürge ich als gewesener Vorsteher der israelitischen Gemeinde im Jahre 1858. Felsö-Jregh (Tolnaer Comitat), 31. Mai 1882. Achtungsvoll Straffer Jönäs. Solche und ähnliche Vorfälle leben jetzt frisch in der Erinnerung auf, die sich in früheren Jahren und Jahrhunderten begeben haben und regelmäßig damit endete», daß das vermeintliche Judenopfer hier oder dort wieder zum Vorschein kam. Von dem Tisza-Eszläer Falle hingegen ist der Schleier noch in keiner Weise gelüftet, von den Gerichten ist das Dunkel noch nicht aufgehellt worden; doch bei dein aufgeklärten und hunianen Sinne unserer Regierung und unseres Richterstandes, und bei den energischen und großmütigen Aussprüchen, mit welchen König Josef jüngstens nicht nur die Judenhetzen in Oesterreich- Ungarn verbot, sondern auch den unglücklichen russischen Juden in Lemberg und Brody seinen Schuh zusicherte, steht zu erwarten, daß der semitenfreundliche Geist den antisemitischen Unhold besiegen, das neugesponnene Lngennetz von