Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969684-2969693--0505-2970928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 Tage, ich möge sie zu ihrer im nächsten Dorfe (Kanya) wohnenden Tante auf einige Tage zu Besuch entlassen. Das Mädchen verließ das Haus, kehrte aber nicht wieder zurück. Die erwähnte Hebamme aber hatte das Gerücht verbreitet, mein Dienstmädchen sei auf unerklärliche Weise verschwunden und ihrer Vermutung nach wäre dasselbe in meinem Hause ermordet worden. Das Gerücht fand gläubige Ohren, nur ich hatte, da ich gar nicht an die Möglichkeit einer solchen Insinuation dachte, von dem Ganzen keine Ahnung. Eine Woche später besichtigte ich in Begleitung mehrerer Glaubensgenossen den Tempelbau. Dort fragte mich ein Herr, Namens Schwarz, ob es mir bekannt sei, daß man im Dorfe allgemein davon spreche, mein voriges Dienstmädchen wäre von mir ermordet worden? Ich, auf eine solche Aeußerung nicht gefaßt, erschrack heftig und antwortete dem Manne, er möge doch um Himmelswillen solchen Unsinn vor den Arbeitern nicht reden, und wies auf die möglichen verderblichen Folgen einer solchen Behauptung hin. Das Gespräch regte mich übrigens so aus, daß ich meine Begleiter sofort verließ und nach Hause eilte. Die bei dem Bau beschäftigten Arbeiter sahen in meinem Erschrecken und meiner plötzlichen Entfernung ihren Verdacht bestätigt und verbreiteten ihre Wahrnehmung mit allen möglichen greulichen Authaten. Einige behaupteten, gesehen zu haben, ja sie waren sogar bereit, einen Eid darauf abzulegen, wie ich dem Mädchen den Hals und die Pulsadern durchgeschnitten hätte, das Blut in Flaschen verwahrt, den Körper des Opfers irgendwo versteckt hatte. Tags darauf hatte ich in Geschäftsangelegenheiten eine achttägige Reise zu machen. Am Sonntag fuhr ich fort, kehrte aber schon nach drei Tagen, d. i. Mittwoch, Nachts um 12 Uhr zurück. Bei meiner Ankunft empfing ich einen Besuch des damaligen Ortsrichters, der den Auftrag erhalten hatte,' in Begleitung des Gemeindegeschwornen bei mir eine Hausdurchsuchung vorzunehmen. Sie suchten auch überall nach, zerstörten den im Hofe befindlichen Heu- und Strohschober, fanden aber natürlich nichts. Der Richter gab mir nun den Rat, mich auf den Weg zu machen, das Mädchen zu suchen und nicht eher zurückzukehren, bis ich dasselbe gefunden haben würde, da die Aufregung in der Gemeinde groß sei; es stehe zu befürchten, daß die Volkswut ein Opfer fordern könne. Dieser Rat des biedern Mannes rettete mir das Leben, denn wie ich später erfuhr, kam die Grundherrschaft während meiner Abwesenheit nach Hause. Die Gräfin ließ sich den Vorfall erzählen, glaubte fest und steif an die Sache und versprach der aufgeregten Menge, den Juden in ihrem Hof henken zu lassen, sobald er nach Hause käme. Ich bezweifle durchaus nicht, daß sie ihr Vorhaben ausgeführt hätte. Schweren Herzens machte ich mich auf, das Mädchen zu suchen. Mein erster Weg führte mich nach Känya, wo ich jedoch das Mädchen nicht mehr fand. Ich fuhr sodann nach Tab, um mir bei dem Rabbi Rat zu holen. Er riet mir, nur fleißig zu suchen, nicht zu verzagen und auf Gott zu vertrauen. Ich entfernte mich, meinen trübseligen Gedanken nachhängend, achtete auf den Weg, den meine Pferde eingeschlagen hatten, nicht, und wurde endlich, als ich mich ermannte, gewahr, daß ich mich in einer Tab nahegelegenen Pußta namens „Szölös" verirrt hatte. Es mag im Monate August gewesen sein, da gerade Lämmerschnr war, und ich zu dem die Arbeiterinnen beaufsichtigenden Beamten trat, der in Begleitung eines andern mir fremden Herrn dort war. Ich zeigte ihm ein Schreiben, das mir der Jregher Richter mitgegeben hatte, nach welchem mir das zu suchende Mädchen im Auffindungsfalte sofort zu folgen und mich nach Jregh zu begleiten hätte.