Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-08-01 · Heft 8 (1.8.1882) · p. Seite 177

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 8 (1.8.1882)
Date
1882-08-01
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969684-2969693--0503-2970926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

177 Daß diese Angelegenheit unter den Juden und Christen des Landes, und besonders des Comitates Szabolcs, wohin das verschwundene Mädchen gehört, eine tiefgehende Erregung hervorgerufen und allerlei Gerüchte in Umlauf setzt, ist begreiflich. Bald Hecht es, daß die Juden daselbst revoltiren und Militär notwendig sei, was natürlich vom Obergespan dementirt wird; bald wieder, daß ganze Judengemeinden jener Gegend sich taufen wollen, um sich von der Schmach dieser Beschuldigung zu befreien, was natürlich mehr frommer Wunsch als Wahrheit ist; bald wieder, man habe das Mädchen als Leiche aus der Theiß gezogen, oder es lebendig aufgefunden, da es nur ans Furcht vor der Mutter, von der ihm eine Strafe drohte, entflohen sei, und daß das aus der Synagoge vernommene Weinen von einer thatsächlich verunglückten rituellen Circumcision an dem Kinde des Tempeldieners herrührte; bald wieder, daß in ganz Ungarn von den Juden Geld gesammelt werde, um durch Bestechung die Sache zu vertuschen, zu welchem Zwecke auch Rothschild fl. 300,000 gespendet habe. — Was an dem Letzteren wahr ist, darüber belehrt uns eine Cirkular- Verordnung aus den jüngsten Tagen von Seite des Ministeriums des Innern die an sämmtliche Jurisdictionen erging und folgendermaßen lautet: „Damit die Wahrheit bezüglich der im April laufenden Jahrs ans Tisza-Eszlür verschwundenen Esther Solymossi je eher ans Tageslicht komme, damit diejenigen, die an einem eventuellen Verbrechen Schuld tragen, ihrer Schuld gemäß gestraft, die etwaigen unschuldig Verdächtigten dagegen vom Verdachte befreit werden, hat das Präsidium der israelitischen Landeskanzlei zur Beschleunigung der im Zuge befindlichen Untersuchung einen Preis von 5000 fl. ausgesetzt, welchen derjenige erhalten soll, der entweder Esther Solymossi lebend dem K. Gerichtshöfe von Nyiregyhäza vorführe, oder ihre Leiche ausfinde, oder dem Gerichtshöfe auch nur solche Daten zur Verfügung stelle, welche zur Auffindung des Mädchens resp. ihrer Leiche führen. Ich fordere daher die Jurisdiction auf, mit Bekanntgabe des Obigen eindringliche Nachforschungen anstellen zu lassen und im Falle der Auffindung mir unverzüglich Meldung zu machen." — Von Seite der Gerichte werden die umfassendsten Untersuchungen gepflegt, Nachgrabungen angestellt, sogar in der Synagoge und auf dem Friedhöfe sollen solche geschehen sein; denn das Mädchen ist einmal spurlos verschwunden und es scheint sich zu bestätigen, daß außer dem 6-jährigen Kinde auch der 16-jährige Sohn des Schächters gegen den Vater aussagt, daß er durch das Schlüsselloch das Abschlachten des Mädchens und das Auffangen des Blutes in ein Gefäß von Seite des Vaters gesehen habe. Interessant ist zu hören, daß der 6-jährige Knabe das Geheimnis bei einem Spiele mit andern Kindern - „blinde Kuh" genannt — entdeckt haben soll Als man ihm die Augen verband, sagte er „bindet mir nicht so fest die Augen zu, wie mein Vater dem ungarischen Mädchen, das er umbrachte", wodurch die Leute aufmerksam wurden und worauf, nachdem man ihm ein Geschenk gegeben, er die ganze Geschichte erzählte. Dem 16-jährigen Sohn des Schächters soll der Richter drohend zugerufen haben: Du Taugenichts, warum wolltest du deinen Vater auf den Galgen bringen, wir haben ja schon die Esther Solymossi gefunden! worauf der Knabe erwiderte: Möglich, aber lebendig sicher nicht, das weiß ich. — Da nun auch andere belastende Zeugen da sind, so sind Vater und Sohn und noch andere als Complicen angeschuldigte Personen verhaftet und man sieht mit spannender Ungeduld der Aufhellung des Mysteriuins und dem Spruche der Gerechtigkeit entgegen. Es ist merkwürdig, daß die betreffenden Behörden fortwährend die ab-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.