Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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J 76 lichen Gerichtsverfahren erwiesen worden, daß Juden zu religiösen Zwecken Christen gemordet haben. Er hofft im Interesse der nationalen Ehre, daß jede Ausschreitung, welche etwa durch hier geschehene Aeußerungen hervorgerufen werden könnte, hintangehalten wird. Auch hofft er, daß die beruhigenden Worte des Minister-Präsidenten im ganzen Lande Widerhall finden werden. Sodann verliest Jranyi folgende Interpellation: „In Anbetracht, daß einige ln den jiingsten Tagen aufgetauchte Thatsachen, respective verbreitete Nachrichten in unseren israelitischen Mitbürgern Besorgnisse zu erregen geeignet sind, obwohl ich gerne glaube, daß diese Besorgnisse zufolge der Gesetzesachtung und der humanen Denkweise unseres Volkes sich als unbegründet erweisen werden, halte ich es doch nicht für überflüssig, den Minister des Innern zu fragen: Erachtet er es nicht für räthlich, daß er unsere erwähnten Mitbürger hinsichtlich der Sicherheit der Person und im Allgemeinen hinsichtlich der strengen Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung, unter welchen Umständen immer, auch besonders versichere und sie, soweit dies möglich ist, beruhige?" Auch diese Interpellation beantworte Tisza semitenfreundlich: Niemand kann die russischen Vorgänge, sagte er, schärfer verurteilen als ich. Auch ich halte sie für eine Schmach des neunzehnten Jahrhunderts. Die Regierung wird gewiß Alles thun, um die Besorgnisse, wenn solche unter den israelitischen Mitbürgern wirklich vorhanden sind, zu zerstreuen Allerdings ist diese ihre Aufgabe eine schwere, wenn sich Abgeordnete finden, welche die Agitation selbst ins Parlament hineintragen. Ich habe Vertrauen zur Besonnenheit unseres Volkes. Wenn sich aber dennoch Gefahren zeigen sollten, werde ich, wie ich bereits vorhin erwähnte, schon dafür Sorge tragen, daß dieselben im Keime erstickt werden. Die kurzen und ergreifenden Erklärungen Tisza's haben im Parlamente einen tiefen Eindruck gemacht und waren auf die Juden des Landes von beruhigender Wirkung. Auch die meisten tonangebenden Journale sprechen mit Entrüstung davon, daß das blöde Vorurteil die Judenfrage in Ungarn zu einer acuten machen will, und ihr Urteil über diese Affaire läßt sich in folgende Sätze zusammenfassen. „Wir können", meinen sie, „den Tisza-Eszläer fsall durchaus nicht mit den Elementen der Judenfrage vermengen lassen und wir können durchaus nicht der Anschauung Jstoczy's und Onody's beitreten, wenn sie dieser Affaire für eine ganze große Religionsgenossenschaft eine so verhängnißvoll drückende Wichtigkeit beilegen. Am Vortage eines großen jüdischen Festes verschwindet ein Christenmädchen. Nun besteht eine alte Volksmythe, wonach die Juden an diesem Feste das Blut einer christlichen Jungfrau ihrem Gotte zu opfern pflegen. Es ist möglich, daß das Mädchen in den Fluthen der Theiß sein Grab gefunden. Es ist aber auch möglich, daß das Kind das Opfer eines verruchten Verbrechens geworden, und daß dieses Verbrechen von einem Juden verübt wurde. Möglich, daß das Mädchen noch gefunden wird. Doch wenn es auch das Opfer eines Verbrechens geworden und wenn auch ein Jude der Verbrecher gewesen, was hat das mit einer ganzen Religionsgenossenschaft zu thun, die in unserem Vaterlande fast eine halbe Million Anhänger zählt? Die Sache ist heute vor dem Richter und wird untersucht. Vor der Urteilsfällung kann man nichts Gewisses sagen; und wenn wir es auch wüßten, wenn der'Richter in der That den Verbrecher in der Person des jüdischen Schächters entdeckt, so bleibt der Fall ja doch nichts mehr, als ein selten vorkommender, aber doch gemeiner Criminalfall.