Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 wir auf diesem Wege friedlich vereint mit aller Menschheit dem großen Ziele der allgemeinen Erhebung durch den lichten göttlichen Geist der Wahrheit immer näher kommen und unsere Sorge in Hoffnung sich verwandelt, unsere Klage in Jubel, unsere Trauer in Trost und Freudigkeit. Semitisches und Antisemitisches aus Hsterreich-Ungarn. Das Mädchen von Tisza-Eszlär. IV. Der Mensch denkt und die Zeit lenkt. Es ist merkwürdig, daß nicht einmal der Wille und die Feder in der eigenen Gewalt des Menschen sind, sondern von der Zeit und ihren Ereignissen gelenkt werden. Ich glaubte, daß ich meinen nunmehrigen Briefen schon eine andere Ueberschrift und einen andern Inhalt werde geben können, in der Hoffnung, die Kluft zwischen Freunden und Feinden der Seiniten werde sich nicht erweitern, vielmehr verringern und sich allmählich schließen; allein es scheint, als wollte der Antisemitismus in unserer Monarchie jetzt erst recht auferstehen und der Same der Rohheit, der mit dessen Pflege gepflanzt wurde, mit erschreckender Raschheit und Fülle in die Halme schießen. Bei einer derartigen Zunahme des antisemitischen Ungeistes bin ich noch herzlich froh, daß ich mich auch mit semitischen Gestalten befassen kann, daß nicht nur finstere, trübe stimmende Wolken über den Häuptern der Juden Oesterreich- Ungarns schweben, sondern auch helle, freundliche Sterne ihnen leuchten, kurz, daß in das Ungewitter der niederfallenden bösen Angriffe und Anschuldigungen auch die Sonne des Wohlwollens und der nlilden Beurteilung hineinstrahlt. Zwei große unheilschwangere Punkte sind es, die diesmal den Himmel unseres Reiches — und ich will wieder erst von Ungarn sprechen —- drohend verfinstern und antisemitisch färben, und die das Mittelalter in optima, lormu herbeizaubern. Diese Vorgänge sind so wichtig, daß sie, wie der mittelalterlichen Geschichte entnommen, so auch der Geschichte angehören und mehrere ihrer Blätter füllen werden; und da diese Zeitschrift durch die zusammenhängende Darstellung und Veröffentlichung der jüdischen Zeitereignisse Oesterreich - Ungarns zu einem Archiv dieser Geschichtspartie des Judentums dieses Landes geworden ist, so ist es angezeigt, daß in diesen Blättern Alles, was an den jüngsten Vorgängen von Interesse ist und sie vom semitenfreundlichen oder semitenfeindlichen Gesichtspunkte aus beleuchtet, ausführlich verzeichnet werde. Sprechen wir heute nur von dem einen düstern Punkte, u. z. von einem umgekehrten Mortara-Fall, oder von dem Mädchen von Tisza-Eszlär, unter welchem letzteren Namen diese in der zweiten Hälfte des 19. Jh. vielleicht sensationellste Affaire die Runde in ganz Europa macht und die Gemüter Ungarns in peinlichster Aufregung erhält. Um einmal den Spieß umzukehren und den historisch verbürgten Mortarafällen ein Gegenstück zu bieten, hat ein ungarischer Deputirter, Onody, im Abgeordnetenhaus einen Gegenstand zur Diskussion gebracht, der da zeigt, welch' riesiges Werk noch das „Jahrhundert der Aufklärung" zu vollbringen hat. Er erzählt einen Fall, „der in seinem Wahlbezirke am 1. April d. I. (also am