Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-08-01 · Heft 8 (1.8.1882) · p. Seite 171

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 8 (1.8.1882)
Date
1882-08-01
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969684-2969693--0497-2970920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

171 seine Tätigkeit beherrschen. Denn darin liegt seine geschichtliche Sendung, darin sein Beruf in dem Kreise der Menschheit. Ist es dieser Aufgabe aber treu geblieben? Hat es zu allen Zeiten den Namen des einen Gottes durch edle Gesinnung, durch freudige Hingebung in Tugend und Gerechtigkeit, durch unveränderte Anhänglichkeit an die Lehre der Wahrheit verherrlicht? Ist das Licht seines höheren Bewußtseins, das die Trübnis der Leiden ihm erhellt hat, ihm in dem Strome des Überflusses an Erdengütern nicht untergegangen? Hat es nie seinen himmlischen Beruf vergessen und verleugnet? Darauf giebt der neunte Ab uns Antwort, darauf erwiedert uns der Prophet, da stehen Himmel und Erde als Zeugen gegen uns auf und rufen uns zu: „Habe ich die Kinder Israels groß gemacht und hochgestellt, da haben sie sich erniedrigt, da sind sie abgefallen." Wenn es in der Finsternis der Leiden dahinzog, da hat der Geist Israels hell geleuchtet und einen wunderbaren Glanz entfaltet, kauin aber ist ein Tag des Glückes und der irdischen Größe über seinem Haupte aufgestiegen, da glaubte es seines geistigen Lichtes entbehren zu können und erlöschte und erstickte es mH eigener Hand. Der Abfall Israels von Gott und seiner Lehre in den Zeiten seiner Macht und Freiheit, das ist eine Erscheinung, die sich durch die ganze Geschichte unserer Vorfahren hindurchzieht, das war stets die Ursache zur Rückkehr früherer Gehässigkeit und Erniedrigung. Was hat die Eroberungssucht der fernen Babylonier wachgerufen, als daß die jüdischen Könige nicht mit den Schöpfungen des Geistes, die auf den Gefilden Israels erblüthen, sondern mit irdischen Schäzen und Reichtümern prunkten, daß Sinn und Herz nur dem Genüsse und der Habsucht zugewendet waren, die Güter der Tugend und der Erkenntnis aber verschmäht und verworfen wurden? Was hat den Römern troz der todesmutigen Verteidigung, troz der ehernen Unüberwindlichkeit der jüdischen Krieger den Sieg in den Schoß geworfen, die Krone der Herrschaft ihnen auf das Haupt gesetzt, als weil Recht und Ehrlichkeit in Jerusalem verhöhnt, weil Zwiespalt und Gewalt in Israel erhoben wurden, als der innere Zerfall und die Selbstsucht der Einzelnen, den nichts Göttliches und nichts Menschliches mehr heilig war? Was hat, als vor nahezu vier Jahrhunderten Hunderttausende von Israeliten, denen die pyrenäische Halbinsel ein zweites Vaterland geworden, von dort vertrieben, den Flammen und Fluten, dem Schwerte und dem Elende preisgegeben wurden, die Giftsaat des Hasses, die von habsüchtigen, Händen in die Massen gestreut wurden genährt und zur Reife gebracht, als, der Übermut, mit den Israeliten, die im Schatten des irdischen Glückes sich geborgen fühlten, von der Lehre ihrer Väter sich abwendeten, indem sie, diese verhönend, nur in Genus und Aufwand ihre Lebenslust fanden, nur in Reichtum und Ansehen ihr Heil setzten?*) Gerade in den Zeiten, in denen mit dem Wachstum irdischer Größe die Versuchung zum Abfalle von Neuem an uns heran tritt, ist es daher Israel geboten, solche Erfahrungen aus der Geschichte der Vergangenheit noch einmal zu betrachten, dem drohenden Abfalle zu begegnen, der iminer mehr einreißenden Entartung und Zerfahrenheit zu steuern und mit dem reicheren Segen, den sein Gott ihm sendet, auch für Bereicherung seiner Geistesschläge zu sorgen und für den weiteren Fortschritt auf der Bahn seiner Bestimmung zu wirken. Eben aber darin, daß gerade in den Zeiten, in denen uns am meisten *) Bergt, hierüber den Zuchtbrief Salomo Alami's, eines Zeitgenossen der spanischen Verfolgungen. 15*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.