Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1882)
- Date
- 1882-07-01
- Page
- Seite 158 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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158 atmet in ihr nur national — griechisch! Das gerade Gegenteil gilt von der Poesie des alten Israel! Ihr mangelt jede nationale partikularistische Tendenz. Der Gott, den sie in gewaltigen Bildern preist, ist kein Nationalgott sondern der einzige, allgerechte und allgütige Gott der ganzen Menschheit, der Israel blos zu seinem welthistorischen Herold erwählte, obgleich die ganze Erde ihm gehört. Er ist nicht der Feind derjenigen, welche die Feinde Israels sind, sondern Israel ist ein Feind derjenigen Völker, welche die Feinde des einzigen Gottes sind. — Israels Genius spricht daher auch in seinen poetischen und prophetischen Dichtungen niemals den Wunsch und die Hoffnung aus, daß im Kainpse mit den Völkern seine Nationalität, wohl aber seine Religion, die reingeistige, sittlichheilige Gottesidee triumphiren möge, doch dieser Triumph hängt nicht von der gestählten siegesgewissen Kraft der Nationalhelden ab, welches das Epos oder Drama besingt, sondern von der allmähligen Reinigung des Menschengemüthes, von der süßen Weisheit des Menschenherzens, der uneigennützigen Gottes- und Menschenliebe und von der lichten Weisheit des Menschengeistes, der als Reflex des wahrhaft Göttlichen auf Erden sich bethätigt und den semitischjüdischen Volksstamm, der ganz besonders für das Göttliche, für den hohen heiligen Glauben an einen persönlichen Gott der ganzen Menschheit empfänglich ist, zu einer religiösen Weltliteratur anregte, gewaltiger und herrlicher als sie irgend eine andere Nation Hervorbringen konnte, weil sie eben nicht vom jüdischnationalen, sondern vom göttlichen Geiste beseelt wird, und so wahrhaft die Offenbarung Gottes durch die Schrift ist. Die Geschichte zeigt das gerechte Walten Gottes in den Schicksalen der Personen und Völker; die Propheten sind die Redner für die Sache Gottes und die Poesie verherrlicht Gott als Herrn der Natur und der Menschen. Darum wendet sich auch der Inhalt dieser religiösen Literatur, die nichts des Jüdisch-Nationalen in sich und an sich trägt, als blos die hebräische Sprache, wie ihr geistiger Brenn- und Mittelpunkt, wie Gott selber, an die ganze denkende und die fühlende Menschheit, die ihr trotz nationaler Sonderung, von jeher Herz und Seele erschlossen hat. „Unzähliche Menschen" — sagt Bluntschli — „haben in den Schriften Israels Ermuthigung in der Not, Stärkung im Unglück, Trost in Leiden, Hoffnung in der Gefahr, Erhebung der Seele gefunden und Uuzählige werden auch in Zukunft noch aus dieser Quelle ihren Durst nach Gerechtigkeit löschen und ihren Glauben an die göttliche Weltregierung erneuern. Diese Schriften sind nicht das Werk wissenschaftlichen Denkens noch einer künstlerischen Bildungskraft. Sie sind durchweg der Ausdruck eines leidenschaftlich bewegten Gefühls, der Ruf einer nach Gott lechzenden Seele, sie. sind getragen und gehoben von dem Strome religiöser Begeisterung!" Und diesem Strome hat das unsterbliche Judenvölkchen mit zäher, aufopferungsvoller Ausdauer ein weites Bett gegraben auf den Gefilden der Geschichte, damit die wankenden Lebensschifie der Nationen;mit dem Steuer der Sittlichkeit und des unerschütterlichen Gottvertrauens ihre verschiedenen sozial-politischen Ziele leichter erreichen können. Auf diesen mannigfaltigen Staatsschiffen konnten auch die Söhne Israels die treuesten Mitlenker derselben sein, weil sie wie ich durch diese Studie nachgewiesen zu haben glaube, vom Urbeginne ihres geschichtlichen Lebens dazu prädestinirt sind, den Bestrebungen der verschiedenen Nationalitäten sich mit Leib und Seele anzuschließen, sobald nur diese Nationalitäten, auf der lichten Culturhöhe stehend ihnen die volle Religions- und Gewissenfreiheit gewähren. Israel