Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1882)
- Date
- 1882-07-01
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969684-2969692--0481-2970903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
156 Jas Judentum und die WationaMätsidee. Eine völkcrpsychologische Studie von I)r. A. Rosenberg, Rabbiner in Kaposvär. (Schluß.) Als letzter philosophischer Beweis, daß über Gemüt und Geist des alten Israel nicht die Idee der Nationalität, sondern ausschließlich nur die der Religion das gebietende Szepter führte, gelte noch eine kurze Betrachtung über die Literatur desselben, in der das auf dem heiligen Gebiete des Glaubens schöpferische Genie des jüdischen Volkes sich glänzend manifestirte, während es auf dem weltlichen Gebiete des national-politischen Lebens kein einziges literarisches Werk weder in Prosa noch in Versen hervorbrachte. — Der Hellene, der geistig und moralisch so ganz das Geschöpf seiner Nationalitätsidee war, hat selbst seinen götterverherrlichenden Dichtungen ein nationales Gepräge aufgedrückt, so daß man, mit z. B. eine Pyndarische Ode vollkommen verstehen und nachfühlen zu können, nicht blos der griechischen Sprache mächtig, sondern auch an Herz und Seele ein wahrer Hellene sein müßte. Nicht die Seiten eines menschlich, — sondern nur die eines griechisch fühlenden Herzens vermochte der Olympische Gesang in heiliger Schauer erzittern zu machen, und auf uns Nichtgriechen wird er, bei all unserer Kenntnis und Würdigung seiner Sprach- und Formschönheit, höchstens eine angenehme ästethische, nielmals aber eine erhebende ethische Wirkung ausüben. Der Jude hingegen, dessen Denken und Fühlen, wie Alexander v. Humboldt schon bemerkte, ein Reflex seines monotheistischen Glaubens war, beobachtete in all seinen literarischen Arbeiten, selbst in der prosaischen Darstellung der Geschichte seines Volkes eine religiöse Tendenz, indem er zum Brenn- und Lebensmittelpunkt aller Ereignisse die göttliche Vorsehung machte, welche allein den Hoch- und Niedergang des frommen oder sündhaften Israel bestimmte. Nicht die nationale Begeisterung oder die nationale Indolenz, sondern die religiöse Treue oder die religiöse Treulosigkeit gegen Gott bewirkte, geinäß der Anschauung des jüdischen Historikers, die glücklichen oder unglücklichen Epochen in der Entwickelungsgeschichte des alten Israel. Darum wird an seinen großen thatrkäftigen Männern, welche zur Leitung seiner Geschicke berufen waren, fast niemals die staatsmünnische Befähigung, das politische Osganisationstalent in den Geschichtsbüchern hervvrgehoben, wie dies z. B. 'I'buüiäills» in glühender Liebe zu den politischen Heroen seiner Nation in solch begeisternder Weise erwähnt, sondern stets nur ihr religiöses Verhalten zu Gott, und dessen Gesetz betont, von dem das günstige oder verdammende Urteil, welches die Geschichtschreibung über sie zu fällen hat, ausschließlich abhängig gemacht wird. Und selbst die Prophetenrede, die gewiß inmitten von öffentlichen Volksversammlungen von den besten Männern des Volkes gehalten wurde, hatte keine nationale Ziele und Zwecke zum Thema, sondern immer und immer wieder den reinen Gottesdienst im Geiste und im Herzen, dessen Übung die Blüte, dessen Vernachlässigung den Verfall des jüdischen Lebens nach sich ziehen würde. So wenig die prophetische Beredsamkeit jemals ein Muster für die politische sein konnte, so sehr war und ist sie für immer ein klassisches Vorbild für jene Kanzelberedsamkeit, welche den verknöcherten Ceremonial- und Lippendienst der Gläubigen durch eine wahre, die Sittlichkeit der Gesinnung und der That beförderende Reliogisität verdrängen möchte. Und so wenig ein in hebräischer