Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1882)
- Date
- 1882-07-01
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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153 Unser Stamm ist in den letzten Jahrzehnten, anstatt ein Gottespriester in dem Weltentempel zu sein, nur ein gelehriger Schüler wahnbetörter Volksverführer gewesen, die den Materialismus als Weltanschauung verkündet haben. Zu beklagen ist jene tiefe Verfallenheit, aus Scheinbildung stammend, deren Träger nur für das Greifbare und Sichtbare Sinn und Verständnis haben, denen dagegen das Geistige, Ideale, Göttliche als eine Thorheit erscheint. Man vergißt, daß, wenn auch nach mühsamen Ringen der Jahrtausende die Wissenschaft riesige Fortschritte gemacht, die Frage nach Urgrund und Endpunkt der Dinge damit noch nicht gelöst ist. Man muß sich endlich aufraffen und sich abgewöhnen, die höheren Güter des Menschen als leere Schatten anzusehen und blos die Materie zu vergöttern, so daß es etwa den Anschein haben könnte, als wenn die Religion nur ein Trost- oder gar Betäubungsmittel für die Armen, Elenden, von Not und Unglück Geplagten wäre. Man muß endlich ernstlich damit aufhören, die Menschen einzig und allein abschätzen zu wollen, nach dem was sie haben, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, was sie der Menschheit sind, kraft ihres Geistes und Herzens, kraft ihres Strebens und Wirkens. Es sind traurige, aber natürliche Consequenzen einer solch' falschen Weltanschauung, jener schauerliche Jndifferentismus und Apathismus, der kalt und stumpf macht, der das Herz verödet und den Geist entstellt, jene hohle gespreizte Schein- und Halbbildung, die ihre Geistlosigkeit für Geisteshoheit hält. Solche Gestalten trifft man gerade in dem Israel der Gegenwart nicht wenige an und traurig ist es nur, wenn man mit dem erhabenen Judentume diese niedere Judenart verwechselt. Israel, das sein sollte das Licht der Völker, es wandelt in Finsternis seinem Verderben entgegen. Ja das Volk der größten Idee der Weltgeschichte, das Riesen bezwungen, das gegen Lüge und Irrwahn kämpfte, hat ein kleinliches Geschlecht gezeugt, ein Geschlecht von Zwergen, das im Glücke übermütig und gottvergessen ist. Jedem ehrlichen Bekenner des Judentums könnte das Herz brechen über die Zerrissenheit des Volkes! Ist denn kein Balsam mehr in Gilead, kein Arzt mehr dort, die. schwere tiefe Wunde zu heilen? rufen wir mit dem Propheten aus. Dasselbe Israel, das mit wunden Füßen und zerrissenen Herzen, stolz und leuchtend und siegreich durch die Schaaren seiner Dränger dahinzog, das in finstere Höhlen zurückgedrängt, nicht müde wurde das Licht der Völker zu sein und ein endloses Hallelujah hinauszurufen in die wüste Welt, das gefesselt, geflügelt wie der Adler auf den Höhen horstete und wie ein Wurm getreten, stark wie ein Löwe sich erwies, um seine geschichtliche Sendung zu vollziehen, es ist träge und schlaff geworden. War es etwas Anderes, als der Geist Gottes, als die Macht der Wahrheit, welche die Wehrlosen waffnete, die Sklaven krönte, die in den Staub Gebeugten beflügelte? Auch die fadenscheinige Straßenphilosophie, wirft keck ihre Lehrsätze in die gedankentrügen Massen hinein, ein wenig Schliff, ein voller Geldbeutel machen Philosophen über Nacht, die ihr Jahrhundert in die Schranken rufen. Betrachten wir sie näher, jene unreifen, gedankenlosen Menschen, die über die herkömmliche Anschauung sich blos thatsächlich hinwegsetzen, ohne sie im Geiste überwunden zu haben, die unbekümmert um die Kämpfe der Gotterleuchteten nur dein Mamon nachjagen, und wir werden erkennen, was wir von ihnen zu hoffen haben. Unsere Männer stehen im Kampfe, wie gegen den finsteren Aberglauben, der vernunftlose Lehren verkündet, ebenso auch im Kriege gegen die sich spreizende Wissenschaftlichkeit, die ihren Stolz in der Gottesleugnung, im rohen Materialismus sieht und statt der Gottähnlichkeit und dem Streben nach Veredlung, die Affenähnlichkeit des Menschen und sein Herabsinken zum Tiere lehrt. Weg mit den