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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-07-01 · Heft 7 (1.7.1882) · p. Seite 150

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 7 (1.7.1882)
Date
1882-07-01
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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150 bedenken, daß die Krücke, welche dem Hinkenden zur Stütze dient, dem Geradgewachsenen zum Hemmschuh wird und daß die Arznei, welche dem Kranken zur Wiedergenesung diente, dem Gesunden zum Gifte werden kann. Das Reformjudentum ist init Nichten eine nach Mode und Bequemlichkeit zugestutzte Religion, nein, es ist eine höhere belebende Geistesmacht, die nur noch nicht genügend erkannt und gewürdigt ist. Hinaustreten muß Israel zu den Völkern und sprechen: Ihr alle Menschen, trotz der Zersplitterung nach Stämmen und Sprachen, ihr alle seid Sprößlinge derselben Wurzel, Träger derselben Blütenkrone, emporgeschlungene Äste desselben Baumes, an dem die Frucht des Heiles gedeihen soll. Weg mit den unseeligen Streitigkeiten und der verderblichen Verdammungssucht! liebt euch einander, wie Gott euer Vater euch liebt und gönnt euch im Leben neidlos einer dem anderen ein Platz auf der weiten Erde, in der alle einst so ftiedlich und ruhig schlummern! Wer sich erkühnt, ganze Menschenklassen, sei es aus Glaubens- oder Racenstolz, aus der Gesellschaft wie Verpestete ausstoßen zu wollen und so die heiligsten von Gott in der unauslöschlichen Flammenschrift der Natur jedem Vernunftwesen verbrieften Rechte mit Füßen zu treten, der muß, wenn er nicht bei Zeiten umkehrt, immer tiefer und tiefer in ein Jrrgewebe von Trugschlüssen geraten; sein Geistesauge wird sich verdunklen, sein Herz sich versteinern und seine Phantasie immer häßlichere und unheilvollere Gestalten ausbrüten. Das Judentum als Religion des Geistes soll sein messianisches Prachtgewand anlegen und seine veraltete Gewandung ablegen. Unsere gereinigte Lehre sei unser Stolz, unsere Freude, unsere Wonne, unsere Hoffnung, unsere Missionspredigt an alle Welt, sie ist und bleibt die Gottesstimme, die sich nicht übertäuben läßt von dem Lärmen und Treiben trübseliger zu Haß und Verfolgung aufstachlender Lehrer, sie der unerschütterliche Fels, an dem sich die Wogen des Hasses und der Verfolgung brechen. Der wild dahinbrausende Sturm der Zeitoewegungen soll uns zur Erfrischung und Neuverjüngung dienen und nicht matt und schlaff und thatenarm sollen wir uns erweisen, wo es gilt, mutig und entschieden unsere innere Gedankenwelt zu verwirklichen und zu bestalten. Hinwegräumen müssen wir den riesigen Felsen der Lüge von der ewig frischen Springquelle unserer Lehre und ihre rauschenden Fluten müssen wieder an die tauben Ohren donnern, gewaltige Dämme niederreißen und über die öden Gefilde vermoderter Anschauungen sich ergießen. Aus dem reinen Wasser der Religion wird die kranke Menschheit neues Heil trinken und mit neuem Geiste sich erfüllen und die Religion wird nicht in versteinerten haßerfüllten, sondern in menschlichen liebevollen Herzen wohnen und die von schlechten Hirten auseinandergesprengten Herden werden sich unter dem einen großen Hirten sammlen und was früher zerrissen war, wird ganz sein und die Erde einem blühenden Gottesgarten gleichen. Betrachten wir diese herrlichen aus echter Begeisterung stammenden Worte Einhorns und lassen wir in ihrem Lichte die Gegner jedes gesunden geisügen Aufschwunges, der den Juden der Gegenwart so sehr not thut, an uns herantreten, uni sie näher zu beschauen. Da haben wir vor uns die Dunkelmänner, die das Judentum zum Zerrbilde seiner selbst machen, und die falschen Aufklärer, denen das Judentum zu einem bloßen inhaltslosen Namen abgeblaßt ist, die gemeinsam dafür sorgen und sich freundschaftlich die Hände dazu reichen, um jedes bessere, höhere, reinere Streben zu ersticken und zu ertöten. Unser Kampf muß sich richten gegen die Verherrlicher eines gedankenlosen Formendienstes wie gegen die aus einer materialistischen Weltanschauung stammende Menschen-

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