Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1882)
- Date
- 1882-07-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Einhorn wollte wie alle Männer, die, auf der Höhe des Geistes stehend, eine religiöse Umgestaltung anbahnten, nicht nur einreißen, sondern auch aufbauen, nicht negieren und zersetzen, sondern Positives schaffen, er schwärmte nicht für einen flächen, Geist und Gemüt leer lassenden, Vernunftglauben, sondern ihm galt das Judentum als eine vom göttlichen Geiste durchwehte Lehre, von deren Hoheit er durchdrungen, von deren segenspendender Mission für die Menschheit er ganz erfüllt war. Das Alte sollte nicht mit dem Veralteten nntergehen, sondern vielmehr aufgehen in der jüngeren Neugestaltung und gleichsam wie das Saatkorn in der Blüte zu neuer höher entfalteter Erscheinung gelangen. Die Reform des Judentums war ihm die Frucht, in der das alte Saatkorn unserer Lehre in schönerer höherer Gestaltung in Erscheinung treten sollte. Jin Kerker des Druckes, da brannte die Geistesflamme Israels nur schwach, man wollte nicht , die Fesseln und die Kerkermauern sehen. Finsternis war da wohlthuend und Schlafen war besser, denn Wachen. Aber in den Tagen, da die Fesseln gesprengt, die Kerkermauern niedergerissen wurden, da sollte Israel erwachen zu neuer Geistesstärke und sein Licht weit hinausstrahlen lassen über die Gefilde der Menschheit. Einhorn war das Reformjudentum nicht erhaben über Formenwesen, nur wollte er lebendige, durchgeistigte Ceremonie, er wollte, daß das Judentum wiederum den messianischen Königsmantel anlege. Ihm war die Reform die Verklärung des alten Cultus, wie das blühende Kind die verklärte Widerverjüngung der ehrwürdigen greisen Mutter ist. Der ewige Gedanke des Judentums sollte unter Abstreifung verrosteter Fesseln seine Schwingen wieder frisch entfalten und ohne Scheu und ohne Rückhalt und ohne Versteckspiel gab er der Wahrheit, die ihn durchglühte, die Ehre und nannte das Tote tot, wie er das Lebendige lebendig genannt hat. Das Judentum sollte sich nicht in sich selbst verengen, mit liebendem Herzen sollte es die ganze Menschenwelt umschlingen, stets sollte es fest stehen auf der hohen Warte der Zeit und mit flammendem Auge den Gang der Völkergeschichte beobachten. Darum dringt er bei den Bekennern der jüdischen Lehre gleich den Propheten auf Herzensgüte, als auf das Höchste, was sie erstreben sollen, die ihm mehr gilt als der ganze hohle Ceremonienprunk, der Israel den Völkern nicht auf der'Höhe seines weltgeschichtlichen Berufes zeigt, sondern vielmehr als eine gar wunderliche Antiquität, die ihre Fortexistenz nur in starrer Verschlossenheit gegen alle Cultureinflüsse fortschleichen muß. Das Judentum soll aus der nationalen Beengung heraustreten und sich als die Religion des Geistes und des reinen höheren Menschtums offenbaren. Und so war denn auch Einhorn voll Begeisterung für seinen bedeutenden Zeitgenossen Abraham Geiger erfüllt, an welchen anknüpfend er in einer am 21. November 1874 zu New-Iork gehaltenen Gedächtnisrede hervorhebt, daß, solange solche Männer leben, gewöhnlich die Meisten ihre reichen Spenden nicht zu würdigen wissen oder nicht würdigen wollen, weil eine solche Würdigung von der Selbstsucht verdrängt wird. Wenn auch unter dem Schatten solcher, durch Wissenschaft und Charakter hervorragender Männer Generationen weilen und an ihrem Lichte sich wärmen, so kann man gewöhnlich bei ihrem Leben derart bedeutenden Männern es nicht verzeihen, daß sie als Geistesriesen viele Tausende ihrer Zeit überragen, wodurch sie der Selbstsucht, der Beschränktheit und der Eitelkeit ein Dorn im Auge werden. Nach Einhorn ist es die Aufgabe der Reform, innerhalb des Judentums Gedankenschätze ans der Vergangenheit hervorznholen und die gehobenen Edelsteine dem priesterlichen Diadem Israels einzufügen. Das Judentum soll nicht juridisch versteinert, sondern religiös durchweht sein. Und wenn auch,