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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-06-01 · Heft 6 (1.6.1882) · p. Seite 137

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 6 (1.6.1882)
Date
1882-06-01
Page
Seite 137 (sequence 17)
Language
German
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137 Sprache ganz unmöglich gewesen wäre. Jedoch ihr eigentliches Leben im jüdischen Volksmunde, ihre höchste Blüte in der Literatur und im geselligen Verkehr dauerte blos von der Richterperiode bis zum Untergange des ersten Tempels, und es genügte ein kurzes Exil von nur 70 Jahren in Babylon dazu, um sie bei dem dort lebenden Judenvolke gänzlich in Vergessenheit zu bringen, obgleich es nicht, wie später durch die Römer, in Einzelatome zersplittert, sondern als eine bedeutende Masse größtenteils in der Gegend des Euphrat angesiedelt wurde, woselbst es sogar Reste seiner Volks- und Sprachverwandten vorgefunden hatte. Dazu kam noch, daß der Zustand des jüdischen Volkes in Babylonien keineswegs ein trauriger war; es war zum Teil wohlhabend, erwarb Grundstücke, genoß freie Religionsübung, behielt seine Stammverfassung, aber zur Erhaltung seiner Nationalsprache fehlte ihm so sehr der nationale Sinn, daß es im Laufe des kurzen 70jührigen Exils selbst seine heiligen Religionsbücher nicht mehr in der Ursprache zu lesen im Stande war. Denn als Cyrus dem Judenvolke wieder Freiheit gewährte und ein ziemlicher Teil derselben nach Palästina zurückzog, da mußte die Thora der jüdischen Gemeinde in chaldäischer Sprache vorgelesen und erklärt werden, weil die hebräische vollends dem Volksmnnde entschwunden war und während der ganzen zweiten Tempelperiode anfangs ein syrisches Idiom, das auch benachbarte Völker sprachen, lyäter das Griechische daselbst heimisch wurde. Ja noch mehr! Während, wie die alte und neue Geschichte bezeugt, besonders die kleinern Stationen, so sie wieder zur Selbständigkeit und Prosperität gelangten, vor Allem ihre nationale Sprache mit einem wahren fanatischen Feuereifer zu beleben, sie zur herrschenden Staatssprache in ihrem wieder gewonnenen Lande zu erheben suchen; — wie dies jetzt z. B. das selbständig gewordene Ungarvolk mit aller Macht und nationaler Begeisterung anstrebt — hatte das alte Israel nicht einmal in der glorreichen sieggekrönten Makkabäerperiode den Versuch gemacht, die hebräische Sprache zur herrschenden Volkssprache neu zu beleben; sie blieb auch damals die tote Gelehrten- und Büchersprache, in der vielleicht einige den Siegestriumph behandelnden Psalmen gedichtet wurde, die aber nie wieder in das Herz und den Geist der Nation dringen konnte. Es ist dies wieder eine historische Thatsache, die einzig in der Sprachengeschichte der Menschheit geblieben; denn keine andere, noch so kleine Nation, hat, Israel ausgenommen, seine eigene Sprache überlebt und sich so rasch und tüchtig in die mannigfachen Sprachen fremder Stämme eingelebt. In Alexandrien redeten und schrieben die Juden griechisch; in Rom traten sie schon um die Zeit der zweiten Jerusalemischen Zerstörung als lateinische Dichter und Kritiker auf; im Mittelalter finden wir Juden unter den deutschen und französischen Minnesängern; in der Neuzeit zeichnen sie sich durch eine gewandte Beredsamkeit und glänzenden klassischen Styl aus in allen modernen Sprachen; ja selbst in der ungarischen Sprache, die jetzt noch in Entwicklung sich befindet und erst seit 13 Jahren im eigenen Lande in Flor gekommen ist, haben die Juden Ungarns solch eminente Fortschritte gemacht, daß sie in ihren Familien- Häusern zur Conservationssprache, in ihren Schulen zur Unterrichtssprache, in ihren Gotteshäusern zur begeisternden Kanzelsprache geworden ist, während sie von den andern fremden Volksstäminen, die durch die Confessio» mit den Ungarn vereinigt sind, mit Haß und Wiederwillen als die Staatssprache geduldet werden muß. Daß also ein ganzes Volk die Sprache, welche nicht blos durch den Namen: Muttersprache geweiht, sondern auch als die Sprache seiner göttlichen Bibel geheiligt wurde, im Laufe von nur 70 Jahren fast gänzlich vergessen und 12

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