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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-06-01 · Heft 6 (1.6.1882) · p. Seite 136

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 6 (1.6.1882)
Date
1882-06-01
Page
Seite 136 (sequence 16)
Language
German
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136 Jas Judentum und die Wationakitätsidee. Eine völkerpsychologische Etudie von Dr. A. Rosenberg, Rabbiner in KaposvLr. (Fortsetzung.) III. Der mächtigste Ausdruck einer Nationalität, gleichsam die unaufhörliche Offenbarung eines lebendigen, sich stets entwickelnden und verjüngenden Nationalgeiftes ist die Sprache eines Volkes, in deren Formen und Wendungen seine ureigne Gefühls- und Gedankenwelt in die Erscheinung tritt, kurz, zu einein selbständigen nationalen Leben andern Volksorganismen gegenüber, sich gestaltet und fortwährend geltend macht. — Jnsolange die nationale Sprache, dieses allumfassende und gestaltungsfähige Gefäß für einen schaffenden und strebenden Volksgenius, existirt, lebt auch das diese Sprache redende Volk als Nationalität, wird es auch stets, selbst unter der grausamsten Tyra.menherrschaft einer fremden Macht, ein ganz eigentümliches, gleichsam mit Millionen Zungen gegen jede Vergewaltigung protestirendes nationales Dasein behaupten. Nehmet aber einem Volke seine Sprache, so wird es bei all seinem pulsirenden sozialen Leben und Ringen auf dem weiten Schauplatze der Geschichte als Nation nur eine lebendige Mumie bleiben, ja sogar bleiben wollen, da seine Seele, losgelöst von dem toten und morschen Sprachkörper, diejenige Gefühls- und Gedankenrichtung nehmen, diejenigen Wünsche, Hoffnungen und Ziele anstreben wird, die in ihr durch die Zaubergewalt der neuen Sprache rege gemacht wurden. Daher allenthalben die Erscheinung, daß namentlich die kleinern und schwächen! Völker, die ihre sonstigen politisch-gesellschaftlichen Einrichtungen mehr oder weniger den Anforderungen der allgemeinen Menschenkultur gemäß umändern, ihnen also einen kosmopolitischen Charakter in Gesetz und Sitte verleihen müssen, um neben und mit den größer» Staaten im r. gen Wechselverkehre verbleiben zu können, an ihrer einzigen ureignen Daseinsform mit eineni Fanatismus hängen, der oft grausamer und unduldsamer wie der religiöse ist, weil eben ihr nationales Sein oder Nichtsein vom Leben oder Tode ihrer Sprache abhängt. — Daß nun gerade der schwache semitische Volksstamm Israels die auffälligste Ausnahme von dieser historischen Regel in dem Entwicklungsgesetze aller Erdenvölker bildet, bezeugt bis zur Evidenz, daß ihm ein zäher nationaler Sinn, ein unbeugsamer energischer Wille zum selbständigen nationalen Leben fast gänzlich fehlte, daß er also blos in der Religion und nicht in der Nationalität seine Unsterblichkeit verbürgt sah. — Wenn wir nämlich die Geschichten der alten Sprache verfolgen, so werden wir finden, daß keine derselben, selbst die der arabischen Nomadenstümme nicht, so kurzlebig war, keine so rasch und so dürftig zur toten Büchersprache wurde, wie die der Hebräer, obwohl gerade sie, wie keine andere, von der schützenden Glorie der religiösen Heiligkeit umflossen war!! Ob in der jüdischen Patriarchenfamilie und dann später unter den jüdischen Sklaven in Epypten das Hebräische als Muttersprache gesprochen wurde, ist nicht durch eine historische, sondern blos durch eine sagenhafte Urkunde des Midrasch nachweisbar, demgemäß es den geknechteten Israeliten als Vorzug angerechnet wurde, daß sie die Sprache ihrer Urväter nicht verändert haben. — Allenfalls fristete die hebräische Sprache ein sehr kümmerliches Leben auch bei den egyptischjüdischen Sklavenfamilien, da sonst die Gesetzesverkündigung am Sinai in hebräischer

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