Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1882)
- Date
- 1882-06-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Semitisches und Antisemitisches ans Hsterreich-Wngarn. in. Österreich und Ungarn tragen wie ein treues Ehepaar Mühen „und Gefahren, teilen gemeinschaftlich Leiden und Freuden, warum sollte in Österreich nicht die Figur mit dem antisemitisen Kopfe und dem semitischen Rumpfe sich einstellen, wenn sie bereits auf ungarischen Boden Posto gefaßt hat? Warum sollte nicht Semitisches und Antisemitisches zu melden sein, wenn die Osthälfte bereits viele Daten desselben Genre's bieten konnte? In der That hat auch Österreich keinen Mangel daran, besonders an den antisemitischen Produkten, denn wie zuverlässige Berichte lauten, zieht seit drei Wochen ein unheimliches Gerücht durch die Stadt Wien, daß auch in diesem Sitze echter Humanität, in der Metropole des Reiches eine antitisenntische Liga sich zu bilden im Begriffe sei, um auch da den Frieden zu vergiften und die confessiouelle Harmonie aufzulösen. Die Agitationsmethode ist dieselbe wie anderwärts und die Erfolge, die Deutschland aufzuweisen hat, ernmntern auch die streitsüchtige Wiener Gilde; in Arbeiterkreisen verbreitet man die Lüge von den schädlichen Lehren des Talmud, dem intelligenten Bürger sucht man die Ehrlichkeit des Juden zu verdächtigen und auch Männer der Wissenschaft sucht und bezeichnet man bereits als' Bundesgenossen. Wir wissen nicht, ob diese Bewegung der Vorbote eines noch entfernten Sturmes, oder nur der letzte Hauch des in Deutschland ersterbenden antisemitischen Ungeistes ist. Freilich gar so in Todesznckungen liegt der Antisemitismus in Deutschland noch nicht, wenn wir betrachten, daß der Abgeordnete Richter im deutschen Reichstage vor wenigen Tagen das Verhalten Stöcker's auf's Schärfste geißeln und dessen antisemitische Agitation als maßlos frivol kennzeichnen mußte. Allein auf große Erfolge scheint denn doch der Anhang Stöcker's nicht mehr rechnen zu dürfen, Beweis dessen hat der deutsche Reichstag den von den Antisemiten und konservativen angefochtenen Berliner Wahlen die Genehmigung ertheilt, und so könnte es möglich sein, daß die geschwächten Vorkämpfer der Inhumanität in Deutschland ihre Emissäre nach Wien entsendet haben, um der dortigen Bewohnerschaft den Puls zu fühlen, inwieweit er der antisemitischen Gesinnung entgegenschlägt und aus ihrer Mitte Stärkung zu suchen, die ihre Thätigkei't aber sofort in Wien beginnen soll. Man will hoffe», daß das Wiener Herz und die Wiener Gemütlichkeit gegen diese Abart von Menschen sich abwenden werde, allein der Boden ist denn doch auch dort bereits gedüngt, um die antisemitische Saat aufzunehmen und dann in Halme aufschießen zu lassen. Zu den Arbeitern ini Dorngehege des Herrn Stöcker und zu seinen Helfeshelfern zählen in erster Reihe die Mitglieder des Katholisch-politischen Volksvereines, welche die Wiener Blätter die „Antisemiten in Wien" nennen und von welchen sie sagen, daß die Lorbeeren, welche sich die Herren Stöcker und Henrici in Berlin im glorreichen Kampfe gegen die Semiten errungen, den Neid der Herren dieses Vereins zu erwecken scheinen. Vor einiger Zeit fand nämlich eine Plenarversammlung dieses Vereines statt, in der mit vielem Eifer und kräftigem Brustton gegen die Juden ins Horn gestoßen wurde. Der Obmann I>r. Harrand begrüßte die Versammlung und erzählte daun seine Erlebnisse in einem Tiroler Bade, wo ihn besonders der „frische katholische Wind," der dort wehe, vom Herzen erfreut habe. „Gott sei Dank," sagt Redner, „dort gibt es noch keine Juden; ein einziger ist hingekommen und hat sich derart benommen,