Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1882)
- Date
- 1882-06-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969684-2969691--0451-2970872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
127 Fürsten. Ich ersuche Sie daher dringendst, mir baldmöglichst zu antworten und Ihre Antwort entweder bent kurfürstlichen Residenten in Haag Dr. Grotius, oder dem Herrn Gilles van der Heck zuni Beischlusse in das 'Briefpacket, das man gewöhnlich nach dem hiesigen Hofe schickt zu übergeben, oder wenn Sie sich hierzu einer andern Ihnen am genehmsten scheinenden Gelegenheit bedienen wollen. Das Eine füge ich noch hinzu, daß Sie, wenn Sie hierher kommen, ein eines Philosophen würdiges Leben mit Vergnügen fiihren werden, wenn sich nicht Alles anders, als wir hoffen und erwarten, ereignet. Leben Sie wohl. Hochgeehrtester Herr. Ihr ergebenster I. Ludwig Fabritius, Professor an der Universität zu Heidelberg und kurpfälzischer Rath. Heidelberg, 16. Februar 1673. 54 Brief. Spinoza an Fabritius. Hochgeehrtester Herr! Wenn es je mein Wunsch gewesen wäre, die Professur einer Fakultät zu übernehmen, so hätte ich mir blos diese wünschen können, die mir von dem Durchlauchtigsten Kurfürsten von der Pfalz durch Sie angeboten wird, besonders wegen der Freiheit zu philosophiren, die der Durchlauchtigste Kurfürst mir einräumt, zu geschweigen, daß ich schon längst wünschte unter der Regierung eines Fürsten zu leben, dessen Weisheit allgemein bewundert wird. Weil es aber nie meine Absicht war, öffentlicher Lehrer zu werden, so konnte ich nicht dazu bestimmt werden, diese ausgezeichnete Gelegenheit zu ergreifen, obgleich ich die Sache lange bei mir überlegt habe. Denn ich bedenke erstlich, daß ich von der Fortbildung der Philosophie zurücktrete wenn ich mich dem Unterrichte der Jugend widmen wollte. Zweitens bedenke ich, daß ich nicht weiß, innerhalb welcher Grenzen jene Freiheit zu philosophiren gehalten sein muß, damit ich nicht die öffentlich feststehende Religion Umstürzen zu wollen scheine; da die Schismas nicht sowohl aus innigem Religionseifer, als aus dem verschiedenen Affekte der Menschen und aus dem Eifer zu widersprechen entstehen, wonach man Alles, obgleich es recht gesagt war, zu verkehren und zu verdammen gewohnt ist. Da ich dies in meinem privaten und einsanien Leben schon erfahren habe, um wie viel mehr wird das zu befürchten sein, wenn ich dieses öffentliche Amt angetreten haben werde. Sie sehen also Hochgeehrtester Herr, daß ich nicht in der Erwartung eines bessern äußern Schicksals stehe, sondern in der Liebe zur Ruhe, die ich noch auf die Weise bewahren zu können glaube, wenn ich mich der öffentlichen Vorlesungen enthalte. Ich ersuche Sie daher inständigst, den Durchlauchtigsten Kurfürsten zu bitten, daß er mir gestatte, diese Sache noch ferner zu überlegen, sowie, daß Sie fortfahren mögen, mir die Gunst des Durchlauchtigsten Kurfürsten zuzuwenden, wodurch Sie um so mehr verbinden werden, Hochgeehrtester Herr Ihren ergebensten Haag, 30. Mürz 1673. B. d. S.