Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1882)
- Date
- 1882-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 tausenden hingeschlachtet wurden; Zeiten in welchen der Verfolger wahnbethört der eigenen Wurde vergessend, selbst znm wilden Thiere herabsank; Zeiten, welche den heutigen Hetzern die Augen öffnen, und wenn sie der Wahn noch ruhig denken läßt, und alles menschliche Gefühl ihnen nicht abhanden gekommen ist, vor den möglichen, sogar notwendigen folgen ihres Treibens, da die Bestialität in dem rohen Menschen noch lange nicht aufgehört hat, wie tausende von Vorkommnissen gerade in unfern Tagen, sowie die Conimune in Paris zeigen, schaudern machen müßte. Sie werden die Geister nicht mehr bannen können, die sie heraufbeschwören, um so weniger als so reiche Beute im Hintergründe winkt, Reichtümer, auf die man ja selbst hingewiesen hat. Aber eben deshalb wird man heutzutage, wo man den religiösen Wahn nicht mehr entzünden und das Bekenntnis daher keine Schranke bilden wird, bei den Juden nicht stehn bleiben. Das Feuer, mit dem sie spielen, wird, wenn es zur Brandfackel wird, sie selbst sicherlich mitverzehren. Schließen wir daher diese Periode mit einem jeden Denkenden erhebenden Ereignisse, das zugleich auf's neue Zeugnis ablegt von der toleranten, hochherzigen, freien Gesinnung/die gleichsam erblich war im pfälzischen Regentenhause. Es ist dies die Berufung des großen Philosophen Spinoza als ordentlichen Professor der Universität Heidelberg durch den Kurfürsten Carl Ludwig im Jahre 1673, einen Fürsten, dessen von allen Vorurteilen freie Gesinnung, namentlich auch gegen Juden, überhaupt gerühmt wird'). Spinoza hatte zwar mit dem positiven Judentum gebrochen und war sogar von dem Rabbinatscollegium seiner Vaterstadt Amsterdam in Bann gethan worden; er ist aber auch zu keinem andern Bekenntnisse übergetreten. Ein gelehrter Engländer, Chevrenau, der sich zur Zeit der Berufung Spinoza's an dein kurfürstlichen Hofe aufhielt, und diese Berufung bespricht, nennt ihn einen protestantischen Juden, Juif Protestant. Auch der berühmte Philosoph Leibnitz spricht in seinem Otium Hannoveran. von dem Fameux Juif Spinoza3). Es mag uns gestattet sein, die vielfach so düstere Geschichte dieser Periode mit dem die Berufung Spinoza's betreffenden Briefwechsel zu schließen, der außer dem Zeugnis, den er für die anbrechende lichtere Zeit ablegt Manchem auch von kulturhistorischem Interesse sein möchte. Es sind die Briefe Nr. 53 und 54 in dem Briefwechsel Spinoza's und lauten:^). I. Ludwig Fabritius an Spinoza. Hochgeehrtester Herr! Seine Durchlaucht, der Kurfürst von der Pfalz, mein gnädiger Herr, hat mich beauftragt an Sie, der Sie mir bisher unbekannt sind, aber bei dem Durchlauchtigsten Fürsten sehr in Gunsten stehen, zu schreiben, und sie zu fragen, ob sie geneigt wären, die Stelle eines ordentlichen Professors der Philosophie an seiner Universität anzunehmen, Die Besoldung ist jährlich, gleich wie bei den andern ordentlichen Professoren. Sie werden nirgends einen Fürsten finden, der gegen ausgezeichnete Geister, wozu er sie rechnet, huldvoller ist. Sie werden die ausgedehnteste Freiheit zu philosophiren habeil, und er hegt die Ueberzeugung, daß Sie diese nicht zunr Uinsturze der öffentlich feststehenden Religion mißbrauchen werden. Ich meines Theils vollziehe hierniit den Auftrag niemes hochweisen 1) Chavoth Jair Ger. 136 2) Das Leben Spinoza's, von Berthold Auerbach, S. 4 XXXIV. 3) Nach der Übersetzung von Berthold Auerbach iu d. „B. v. Spinoza's sämmtliche Werke."