Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1882)
- Date
- 1882-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 ihnen vielleicht etwas „beschwerliches" zugefügt worden wäre, so ließen sie sich durch den Rat zu Straßburg über den wahren Hergang dieser Begebenheit zu ihrer Rechtfertigung eine Urkunde ausstellen'). Von dem beschränkten Geiste der damals herrschte, gibt auch ein anderer nicht sehr lange nachher hier stattgefundener Vorfall Zeugnis. „Ein jüdischer Arzt Namens Saul beschwerte sich 1511 bei dem Rate, daß man ihn, oder auch reisende Israeliten, wenn sie zur Nachtzeit ans Thor kämen, nicht einlassen wolle, und bat ihn doch „wann es etwa die Not betrifft", zu gestatten, hier über Nacht zu bleiben. Allein der Magistrat ging darauf nicht ein, sondern erklärte, die Juden dürften sich, dem alten Herkommen gemäß, des Nachts nach 12 Uhr in der Stadt nicht mehr finden lassen^). Es könnte auffallend erscheinen, daß in einer Stadt, die sich der neuen Lehre angeschlossen hatte und selbst noch vielfach für ihr Bekenntnis und ihre Rechte zu kämpfen hatte, solche Dinge Vorkommen konnten; nachdem Reuchlin so siegreich für Juden und Judentum gegen die Dominikaner gekämpft; nachdem der verdienstvolle Bader so lange hier gewirkt. Allein es war ein anderer Geist in die früher tolerante Bürgerschaft eingezogen, den der verdienstvolle Verfasser der Urkundlichen Geschichte der Stadt Landau mit scharfen Worten, die wir hier nur auszüglich mitteilen wollen, zu geißeln sich veranlaßt fühlt. „Die evangelischen Geistlichen", sagt derselbe unter Anderm darüber, maßten sich eine unbedingte Herrschaft über die Gemüter an, verfolgten jeden Andersgläubigen oder Denkenden und waren jedem geistigen Fortschritt entgegen." Von sonstigen Juden in der Pfalz wissen wir aus jener Zeit nichts. Indessen kann es keinem Zweifel unterliegen, daß fortwährend, sowie in Landau, überall Juden wohnten. Es scheint sogar, daß sie unter den milden und weisen Regenten des churfürstlichen Hauses im Ganzen unangefochten lebten. Wir wissen wenigstens, daß Churfürst Friedrich V., der, wie seine hochgebildete Gemahlin, ein Freund des berühmten jüdischen Arztes Soncino in Amsterdam war und mit ihm in Briefwechsel stand, derselbe, der sich an die Spitze der Protestanten stellte und als solcher 1620 in der Schlacht am weißen Berge zu Prag die Krone verlor und später der Chorwürde verlustig erklärt wurde, wir wissen, daß dieser edle Fürst sie in der schweren Verfolgung in Worms im Jahre 1615 kräftig in Schutz nahm 3), und hat er sie gewiß um so mehr in den eigenen Landen vor Unbilden bewahrt. Während des dreißigjährigen Krieges haben freilich die Inden wie alle Deutschen in den langen mörderischen Bruderkämpfen schwer gelitten. Allein wir finden nichts von besonder» Judenhetzen. Im Gegenteil; Kaiser Ferdinand II. hat seinen Heerführern ausdrücklich befohlen, die Juden überall zu schützen H, wie überhaupt dieser Kaiser, der wie Karl der Große und Ludwig der Fromme den Wert der Juden für die in den damaligen Kämpfen nothwendigen Negociationen und Lieferungen und zur Beschaffung der vielen Geldbedürfnisse kannte, überall ein redlicher und eifriger Beschützer der Juden war, so daß unter ihm die Gemeinden zu Prag und Wien wieder zu großer Blüthe gelangten ^). Und so sind wir denn Gottlob an dem Ende jener traurigen Zeiten angelangt, in welchen die Juden, ärger als die wilden Thiere gehetzt, zu Hundert- ') Ulf. (Seid). S. 135. 2) Lehmann l. 1. S. 162—63. J) Wolf, Gesch. d. Juden von Worms, Grätz, Gesch. d. Juden X. S 36. 4) Wolf, Ferdinand II. 5) Tie Ouellen bei Grätz l. l. S. 40 ff.