Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1882)
- Date
- 1882-05-01
- Page
- Seite 113 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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113 Mitteilungen. Berlin, Februar 1882. Für den wohlthätigen Zweck, den ein seit einigen Jahren hier bestehender Verein in der europäischen Civilisation und dem edleren, ungetrübten Judentum entsprechenden Erziehung von jüdischen Waisenkindern in Palästina verfolgt, hat Herr 1>. David Cassel, der selbst das schriftführende Mitglied des Komite's jenes Vereines ist, einen Cyklus von Vortrügen eröffnet. Diese Vorträge, deren Themata sämmtlich dem von Herrn De. Cassel in seiner Thätigkeit als Docent an der hiesigen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums wie durch seine in weitesten Kreisen bekannten Schriften vertretenen Gebiet der jüdischen Geschichte angehören, haben in diesem Jahre hinsichtlich ihrer belehrenden Wirkung auch Ersatz für den Ausfall der Vorträge zu bieten, welche seit 1878 regelmäßig in den Wintermonaten von den Doeenten der genannten Hochschule im Verein mit anderen hiesigen jiidischen Notabeln gehalten wurden. Es dürfte im Interesse der geehrten Leser der „populär-wissenschaftlichen Monatsblätter" geschehen, >venn hier über die wesentlichsten Ausführungen und Gesichtspunkte, mit denen Herr I>. Cassel die ersten zwei bereits gehaltenen Vortrüge ausstattete, berichtet wird, zumal der Vortragende nur äußerst selten dem Verlangen nach weiterer Veröffentlichung nachgiebt. „Die kulturhistorische Bedeutung der jiidischen Geschichte" und „Das Land Palästina in verschiedenen Zeitperioden" waren die Themata der beziehungsweise am 2. und 9. d. Mts. gehaltenen Vortrüge. Für den strengwissenschaftlichen Standpunkt, den der Vortragende auch in diesen seinen freien Vortrügen einnahm, ergab sich vor Allem die Frage, ob denn eine kulturhistorische Bedeutung der jüdischen Geschichte überhaupt existire, und erst in zweiter Reihe die Frage, in welcher Richtung sie existire und wissenschaftlich nachzuweisen sei. Aus der originellen Beantwortung, welche die erste Frage aus zum Teil apriorischen Gesichtspunkten gefunden hat, kann hier nur mitgeteilt werden, wie dem Einwande begegnet wurde, der aus der unfreiwilligen und freiwilligen Abschließung, in welcher die Judeil Jahrhunderte gelebt, gegen eine kulturhistorische Bedeutung ihrer Geschichte erhoben werben könnte. Hätten die Juden, führte der Vortragende aus, eine eigene Individualität nicht ausgebildet und erhalten, wären sie vollständig in ihrer Umgebung aufgegangen: dann könnte von einer kulturhistorischen Bedeutung ihrer Geschichte überhaupt nicht die Rede sein, da ja etwas, was nicht ist, auch nicht von irgend welcher Bedeutung sein könne. — Wie der Einzelne, bevor er für andere zu irgend welcher Bedeutung gelangen soll, erst eine solche für sich selbst gewonnen haben müsse, so kann auch ein Volk erst dann eine weitere kulturhistorische Einwirkung hervorbringen, wenn es sein eigenes Dasein im Sinne der Kultur gegründet und in geschichtlichem Bewußtsein von der Bedeutung seiner Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft sein Leben einrichtet. In welchem Grade diese Bedingung im alten Israel schon auf den ersten Stufen seiner Entwicklung erfüllt wurde, hat der Vortragende aus dem biblischen Schrifttum, den mosaischen Vorschriften und Institutionen wie besonders aus den prophetischen Verkündigungen dargethan. Ja der Seherblick der Propheten ist schon frühzeitig weit über die engeren Grenzen des Stammes und des Vaterlandes hinaus gerichtet gewesen. Und einen besonderen Höhepunkt auf dieser prophetischen Warte der Betrachtung be- 10