Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-05-01 · Heft 5 (1.5.1882) · p. Seite 108

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 5 (1.5.1882)
Date
1882-05-01
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969684-2969690--0431-2970851
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

108 die besonders einnehmende Erscheinung des deutschen Thronfolgers, in dessen Gesichte noch die Frische der Jugend, in dessen Augen soviel Gemütlichkeit und Hochsinn, und in dessen Blick soviel Freundlichkeit liegt, >vie selten bei, einem anderen Mann zu finden ist. Man weiß es hier, wie oft man ihn, namentlich in der Zeit vor Weihnachten, sieht, mit Frau und Kindern durch die Straßen gehen, in der rechten Hand irgend ein Packet, in der linken Hand eben ein solches, Einkäufe enthaltend, während in gemessener Entfernung die Diener unbeschwert Nachfolgen; wie er auf der Weihnachtsmesse von Bude zu Bude zu gehen pflegt, alles das, was er eingekauft hat, sofort initzunehinen und sich gar nichts daraus zu niachen, daß sich das Volk um ihn herumdrängt und ihn mitunter ziemlich unsanft bei Seite schiebt. Man weiß es, wie er oft mitten unter den gewesenen und künftigen Soldaten, unter Studenten, unter Freimaurern und im Allgemeinen in der Mitte der Mittelklassen des Volkes, überall da als ein so einfacher, bescheidener Mann erscheint, daß ihn der erste beste Beamte durch sein Auftreten in den Schatten stellen könnte, und daß so wie er auch seine Söhne sind, von welchen namentlich der Alteste alle Tugenden des Vaters geerbt zu haben scheint. Aus den Handlungen des Kronprinzen schließt man, daß er und seine Kinder auf ihre hohe Würde nur denjenigen gegenüber eifersüchtig sind, die nicht gerade dem sogenannten Volke angehören, sondern sich in angesehener Stellung befinden und auf ihre Verdienste und auf ihren Rang pochend, sich anmaßen, auf mehr Beachtung zählen zu wollen als andere Menschen. Da er nun gerade der Freund der Niederen und der ungerecht Verfolgten ist, so findet man es erklärlich, daß er gegenwärtig als Freund der Inden warm auftritt. Ich darf hier ilicht unerwähnt lassen, daß der deutsche Kronprinz in dem erhabenen Thronfolger Österreich-Ungarn's, der sich nebenbei als tiefblickender Naturforscher, wie als gebildeter und freisinniger Literat bekundet, einen erlauchten Bundesgenossen findet, die den hohen Adel der Seele gemeinsam haben. Die Vorurteilslosigkeit, Freundlichkeit und Leutseligkeit unseres allgeliebten und verehrten Kronprinzen gegen Jedermann ohne Unterschied des Bekenntnisses sind sprichwörtlich und treten bei mehreren Gelegenheiten wohlthuend hervor. Deshalb hat denn auch seine Vermählung bei allen jüdischen Gemeinden des Reiches die innigste Teilnahme erweckt und dieselben zu der aufrichtigsten und tiefsten Huldigung bewogen, die er gerne und mit Befriedigung geschehen ließ, wie dies unter Anderem die hochehrende Thatsache beweist, daß er von dem Schreiber dieses die eingesandte Festrede huldvoll entgegennahm und ihm in Schreiben „Dank, Wohlgefallen und Anerkennung" ausdrückte. Daß aber die Worte des deutschen Kronprinzen: Die antisemitische Bewegung sei eine Schmach der Zeit, auch aus dem Munde des Österreich-Ungarischen hätte fließen können, sollen Ihnen einige Sätze aus dessen jüngsten Werke darthun. Kronprinz Rudolf hat bekanntlich seine Eindrücke, die er auf seiner Orientreise in Palästina empfangen mit einer Lebendigkeit der Sprache und einer Farbenpracht der Schilderung niedergeschrieben, und da findet man folgenden Passus: Der erste Schritt auf dem Boden des gelobten Landes ruft in den Städten die Erinnerungen an die geordnete Macht des Judenreiches, an den weisen König Salomo, oder auch an die Tage, wo Jesus inmitten seiner Apostel auf den steinernen Stufen der Hauptplätze predigend saß, lebhaft ins Gedächtnis und am Lande ziehen die Bilder am geistigen Auge vorüber, die uns in Kinderjahren beim Studium der heiligen Schrift umgaukelten. Abraham, der Patriarch, der Nomadenkönig, reich an Heerden, edlen Rossen, schönen Zelten und üppigen Weibern, der sinnige Greis

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.