Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1882)
- Date
- 1882-05-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 stets der Juden angenommen, selbst ehe das Gesetz sie emanzipirt hatte. Wenn in Mähren der Jude keine Familie gründen konnte, weil die gesetzlich erlaubte Zahl voll war, da kam er nach Ungarn, wo er ohne Weiteres heiraten konnte, wenn ein Frankfurter Kaufmann sich in Wien etabliren wollte, erwarb er sich gewöhnlich die Zuständigkeit in Ödenburg, wo ihm dann die Wiener Polizei keine weiteren Schwierigkeiten machte und brauchte er endlich einen Paß, in Ungarn versagte ihm der Vizegespan einen solchen nicht. Mit einem Worte, der Judenhaß gehört nicht zu den Fehlern des ungarischen.Volkes, cs ist auch selbst bei uns meistens christlich-germanischen Ursprungs Übrigens ist das religiöse Moment bei dem Antisemitismus nur in zweiter Reihe bedeutend, in erster Reihe ist es doch beinahe überall das leidige Verhältnis des Schuldners zu dem Gläubiger, es sind dieselben Leidenschaften und Verhältnisse, wegen deren die römischen Plebejer auf den heiligen Berg answanderten, es ist der ewige Gegensatz zwischen dem Kapital und der Arbeit, zwischen dem beweglichen Besitz und dem Grundeigentum, das mit Hypotheken belastet ist. Dazu kommt noch, daß die Scheidewand zwischen Inden und Christen auch gesetzlich fvrtbesteht, das Jus eonnuläi ist noch immer in Ungarn nicht gegeben. Nun ist aber, wie ich ja in diesen Blättern berichtet, ein Gesetzentwurf über die Civilehe dem vorigen Reichstage unterbreitet worden; doch ist Herrn Pulszky derselbe ungenügend und läßt die aufgeschvbeuc Verhandlung desselben ihn fürchten, daß selbst dieser Versuch, die Kluft zwischen Inden und Christen zu überbrücken, aufgehoben sei. Er lagt daher weiter: wir wissen zwar, daß selbst das liberalste Gesetz durchaus keine massenhafte Vermischung semitischer und antisemitischer Elemente nach sich ziehen würde; jedenfalls reißt aber selbst der schwächliche Entwurf, der vor den Reichsrat kommen sollte, eine Scheidemauer nieder, die es verhindert, daß Jude und Christ blutsverwandt werden. Die allgemeine Tendenz war seit einiger Zeit eine vereinigende, die semitische Abgeschlossenheit hört nach und nach, besonders in den Städten, auf, die Juden magyarisiren sich mit überraschender Schnelligkeit mehr und mehr und fühlen sich nicht mehr als Fremde, sondern als Söhne desselben Vaterlandes mit ihren Mitbürgern. Und in diesem Momente wird aus Rußland und Deutschland jene Verfolgung importirt, die nicht nur der Kronprinz von Deutschland, sondern jeder gebildete Mensch für einen Schandflecken unserer Zeit hält. Alles hängt jetzt davon ab, ob die Regierung den ersten Regltugen der antisemitischen Verfolgungen entgegentritt, oder ob sie, mit lauwarmen Verweisen im Grunde die Antisemiten unterstützt. Wir spannen unsere Hoffnungen nicht zu hoch, in dem gegenwärtigen Falle aber zweifeln wir nicht au einem energischen Auftreten der Regierung. Der lieberale Staatsmann Pulszky, der jetzt seine Memoiren schreibt, die auch, für die Geschichte der Juden in Ungarn wichtige historische Momente enthalten, huldigt ebenfalls mehr oder weniger dem Gedanken, daß erst die Einführung der Civil- und Mischehe das sociale Heil und den dauernden Frieden im Gefolge der blutsverwandten Verschmelzung zwischen den verschiedenen Religivnsbekenneru Herstellen werde, was freilich ein Irrtum ist. Ju Frankreich, Deutschland und Nordamerika besteht die Mischehe seit geraumer Zeit und weder Juden und Christen machen in den genannten Reichen häufigen Gebrauch davon. Bildung, Fortschritt, Humanität und Duldung schaffen aus sich heraus dauernden Religionsfrieden, nimmer aber die Kreuzung der Racen und die durch Heirat erwirkte Amalgamatiou. Die religiösen Gegensätze würden sich auch, vielleicht gar noch