Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1882)
- Date
- 1882-05-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 Doch den Stand in Deutschland kennen Sie ja besser, obgleich mau in den Spiegel nicht gut sieht, wenn er zu nahe gehalten wird, und die Geschichte stets einen Beobachter und Beurteiler aus der Ferne fordert. Wie steht es aber bei uns? Da muß ich nun freilich den Faden dort aufheben, wo ich ihn in Nummer 1 dieser Blätter fallen ließ und auf die antisemitische Regung im ungarischen Parlament, der ich am Schlüsse Erwähnung gethan, das versprochene semitische Gegenstück folgen lassen, dessen wichtiger Inhalt für Deutschland viel Belehrendes und Aufklärendes bietet und dessen Gewissen herauszufordern angethan ist. Franz P u l s z ky, Direktor des ungarischen Mnseums und gelehrtes Mitglied der Akademie der Wissenschaften, den seine Nation als glänzenden Schriftsteller und parlamentarischen Redner hoch verehrt, hat die antisemitischen Ausschreitungen in einigen ungarischen Ortschaften zur Veranlassung genommen, um über den widerwärtigen Gegenstand der antisemitischen Bewegung sich ungefähr fvlgenderweise zu äußern: Wie wir die Cholera und die Viehseuche aus den Steppen Rußlands zu erhalten pflegen, so klopft jetzt ein anderer unheiinlichcr Gast an unsere Thüre: die Judeuhetze. Wir glaubten lange, die nüchterne Auffassung des ungarischen Volkes werde es verhüten, daß jene mittelalterliche Verirrung des menschlichen Verstandes, die jetzt in Norddeutschland sich breit macht, auch bei uns Fuß fassen könnte. Die Flugschriften Jstoczy's, den deutschen Emanationen Stöcker's und Henri ei's nachgebildet, fanden keine große Nachfrage; doch aber scheint die Sache jetzt ernster zn werden und obwohl die Vorfälle in Paszto und Losoucz keine bedeutsame Folgen hatten, können sie doch als die Vorzeichen eines Sturmes betrachtet werden, welcher sicher ausbrechen würde, falls die übermüthigen Junker und Spießbürger nicht von vorneherein zurückgewiesen und nicht überzeugt werden, daß eine anständige Regierung solche Schmach nicht dulden darf. Der Geschichtsforscher, setzt er fort, weiß, daß die Judenhetzen periodisch, wenn gleich in längeren Zwischenräumen wiederkehren. Als Peter von Amiens den ersten Kreuzzug predigte und die Völker des Westens schaarenweise nach dem fernen Osten aufbrachen, um das Grab des Heilands aus den Händen der Ungläubigen zu befreien, da fanden sie, es sei ein gottgefälliges Werk, die Ungläubigen auch zu Hause auszurotten. Dies wiederholte sich auch in der ersten Zeit der Türkengefahr, als wieder die ganze Christenheit zum Kriege gegen die Ungläubigen aufgerufen wurde. So oft die Leidenschaften der Massen geweckt werden, finden sie auch ein näheres Ziel für ihren Kampfesmut, als jenes ist, gegen welches sie entfesselt werden. So wandten sich die Kreuzfahrer des Erzbischofs Bakocs gegen die Grundherren und jene des heiligen Kapisztrano in den Rheinlanden gegen die Juden, welche zufolge ihrer Abgeschlossenheit als Eindringlinge betrachtet werden. Trotz der Fortschritte unserer vielgerühmten Civilisation betrachtet man die Juden in den unteren Klassen selbst Deutschlands als Fremde, wenn auch eben ihr deutsches Wesen ihnen an andern Orten, z. B. bei uns, zum Vorwurf gemacht wird. Und wirklich sind die Inden in Ungarn zum Teile Träger des Deutschtums; sie sprechen und lesen vorzugsweise deutsch, erst in neuester Zeit nehmen sie Anteil an dem Aufschwünge der ungarischen Literatur. Während sie in Deutschland, wo man sie stets mehr oder minder verfolgte, der Literatur einen Mendelssohn, Börne, Heine gaben, wendet sich der semitische Geist erst in neuester Zeit der ungarischen Literatur zu. Saphir und Karl Beck waren ungarische Juden, aber sie schrieben und fühlten dennoch deutsch, trotzdem daß Ungarn sich