Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1882)
- Date
- 1882-05-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 wie in unfern Tagen die Cholera, welcher Millionen von Menschen zum Opfer fielen: „der schwarze Tod". Statt nun durch Nüchternheit und sorgfältige Pflege die Opfer möglichst zu verringern, wie es die Juden gethan zu haben scheinen, von denen zwar auch viele der Krankheit erlagen, aber in keinem Verhältnis zu den Christen, schrieb der Fanatismus die Geißel den? Zorne Gottes zu, den man nur durch Hekatomben hingeschlachteter Juden versöhnen zu können glaubte. Es ist zwar dem, der dem Gange der Geschichte aufmerksam folgt, begreiflich, aber bemerkenswert bleibt es doch, daß in ganz Asien und bei allen Bekennern des Islam keine Anklagen oder Verfolgungen der Juden aus diesen: Grunde Vorkommen. Nur in den christlichen Ländern Europa's wurden die Juden in Folge des schwarzen Todes hingeschlachtet, um sie wo möglich ganz zu vertilgen'). Und unter allen Völkern Europa's wütete wieder keines so grausam und erbarmungslos als die Deutschen. Um irgend einen Vorwand für diese massenhafte Hinschlachtuug zu haben, verfiel man auf den wahrhaft wahnsinnigen Gedanken, die Juden hätten die Brunnen und Flüsse und selbst die Luft vergiftet. Ein Jude aus Toledo habe das Gift gebracht und er, sowie ein anderer Jude aus Chamberg in Savoyen , hätten es massenhaft zu dem angegeben Zwecke an die Juden der ganzen Welt versandt. Das Gift soll bald aus Basiliskenfleisch, bald aus Spinnen, Fröschen und Eidechsen, bald wieder aus Christenherzen und Hostieuteig bereitet worden sein. Davon sollten die kleinen Pfützen: Rhein, Donau, Elbe, Oder und Weser mit ihren hundert großen und kleinen Nebeuflüssen vergiftet worden sein. Das glaubte die deutsche Einfalt! — Dieser unsinnige Wahn mußte zum Vorwände dienen, um Hunderttausende dem schrecklichsten Martertode preiszugeben. Soweit können boshafte Hetzereien führen, wenn sie noch so widersinnig sind. Und diese goldenen Tage — sie waren in der That golden, da man sich überall in die Güter der Juden teilte — diese goldenen Tage könnte man in unserer Zeit durch den angefachten Rassenhaß, der nicht viel vernünftiger ist, wieder herbeiführen. (Schluß folgt.) Semitisches und Antisemitisches aus Hsterreich-Wngarn. 11. Seit meinem letzten Briefe scheint sich bei Ihnen in Deutschland Vieles geändert zu haben; die Wühlereien des antisemitischen Ungeistes scheinen nachgelassen, die Anklagen gegen die Juden, daß sie Fremde seien und kein deutsches Wesen in „sich trügen, zu verstummen, und allmählig wird vielleicht doch die antisemitische Ära, die in Deutschland und als böse Folge noch grausamer in Rußland so viele tausend Herzen verwundet, soviel Menschenleben gefährdet, soviel Blut gekostet und soviel Gut vernichtet hat, in dem gewaltigen Strudel der Zeit untergehen. Man fängt in Deutschland an sich der Thatsache zu schämen, daß das bedeutendste Culturvolk Europa's das neunzehnte Jahrhundert in ein Zeitalter der Judenhetze und des Barbarismus verwandten will. *) Grätz nach llor. tempor. ') Grcitz l l auch nach den Urkunden in den Noten zu Königshofen.