Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1882)
- Date
- 1882-05-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969684-2969690--0425-2970845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
102 nehmen und das Volk zu Haß und Verfolgung aufzustacheln suchten; aber der Kaiser blieb bis an sein Lebensende seinen Gesinnungen treu und auch das Volk ließ sich danials noch nicht zu Ausschreitungen hinreißen und Pflegte fortwährend freundlichen Umgang mit den Inden1 >. Auch unter den spätern Karolingern lebten die Juden großenteils geachtet, überall geschützt. Letzteres war auch unter den Ottonen der Fall. Erst Kaiser Heinrich 11., der den Titel der Heilige erhielt, weil er das Mönchtum so sehr begünstigte, den Kaisertitel vom Papste abhängig und die Papstwahl unabhängig machte, verhängte in Mainz und auch gewiß in anderen Orten die grausamsten Verfolgungen über die Juden oder — die Taufe Später gelang es aber, diesen grausamen Verfolgungen Einhalt zu thun. Der berühmte Lehrer Rabbenn Gerschom (st. 4788 a. m. - 1027—28 leitete unbehelligt eine Thalmudschule in Mainz, aus welcher die berühmtesten Rabbiner hervorgingen, von welchen wir bald nachher auch in Speier finden, wo damals eine große blühende Gemeinde bestanden hat. Speier war überhaupt eine der bedeutendsten jüd. Gemeinden am Rhein, neben Worms und Mainz, mit welchen sie immer zusammen genannt wird und fast gleiches Schicksal trug und strahlt als Stern erster Größe am Himmel jüdischer Gelehrsamkeit. Hier lebten und lehrten in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts Kalonymos d. A. Jakob b. Jsack Halevi, genannt Jabez, st. 1126, Jsack b. Ascher Halevi, Riba3) Meir b. Kalonymos, Eliesar b. Joel Halevi, Jehuda b Kalonymos und andere berühmte Männer, Rabbiner und talmudische Schriftsteller; ferner die Exegeten und Bibeleommentatoren: Elasar (zur Chronik), Samuel b. Kalonymos u/AH. Aus dem Jahre 1010 existirt ein Freiheitsbrief von Kaiser Heinrich IV. an Juden in Speier"). Die blutigen Verfolgungen zur Zeit des ersten Kreuzzuges 1096 teilten die Juden zu Speier mit ihren Schwestergemeinden Mainz und Worms und in allen christlichen Staaten Europas, jedoch ganz besonders in Deutschland. Sie hatten dadurch aber ein besseres Schicksal als jene, daß sie sich in den kaiserlichen und bischöflichen Palast flüchteten und sich hier zunächst zur Wehre setzten, — ein Beweis von der Größe der Gemeinde — und dann durch den Bischof Johannes geschützt wurden. Judenfeindliche Chronikenschreiber behaupteten, der Bischof sei durch das Geld der Juden bestimmt worden (peounia Judacorura conductus) um so mehr als der Bischof auch einige der wüthendsten Unmenschen hinrichten ließ. Man konnte eben nicht glauben, fügt Depping hinzu, daß andere Gründe als der Eigennutz, Mäßigung gegen die Juden einflößen könnten. Jene Annahme ist aber sicher eine Verläumdung, da kein jüdischer Schriftsteller aus jener Zeit eine Erwähnung davon macht, was sie, wie andere Beispiele zeigen, sicher nicht unterlassen hätten. Warum sollte ein menschlich fühlender Mann angesichts der grauenvollen Barbareien nicht Mitleid mit den zu Tode Gehetzten empfinden können? Das Einschreiten des Bischofs ist um so erklärlicher als sechs Jahre vorher sein « Vorgänger Bischof Rüdiger den Juden bedeutende Privilegien eingeräumt und Kaiser Heinrich IV. diese nicht nur bestätigt, sondern auch vielfach erweitert hatte Wie richtig der Bischof vom politischen Standpunkte geurteilt, geht aus der Be- ' l 1. e. ■) Wir besitze,, darüber schmerzliche Taucrlieder von zwei berühmten jüdischen Gelehrten jener Zeit, von, Rabbiner Gerschon b. Jehuda und Simon b. Jsak. ■'') S. Sal. Lnria G. A. 29. 4) €. Zunz, zur Gesch. und Lit. 6) Abgedruckt bei Remling, Urkundenbuch der Bischöfe von Speier 1. 65 und Gesch. der Bischöfe zn Speier I 312. °) S. Remling l l. Weitere Quellen bei Grätz VI. v. H. i