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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-04-01 · Heft 4 (1.4.1882) · p. Seite 94

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 4 (1.4.1882)
Date
1882-04-01
Page
Seite 94 (sequence 22)
Language
German
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94 Rechtliche Geltung haben nur die durch ihn vollzogenen amtlichen Handlungen, aber er vollzieht eben doch keine, er läßt sich, heißt muß sich, um dem Rechte zu genügen durch Substituten vertreten lassen. Es ist eine Schattenseite an dem Leben der Juden in Wilna und Rußland überhaupt, daß gebildete Rabbiner wenig Einfluß nehinen können ans die Gestaltung des geistigen Lebens innerhalb der Gemeinde. Die Juden in Wilna sind überaus fleißig und kommen die ganze Woche kaum zu Athcm vor lauter Arbeit und alle Wonne des Lebens concentrirt sich bei ihnen in den Sabbat, den sie allwöchentlich wie einen Erlöser aus des Lebens Not und Müh begrüßen. Eine eigentümliche Erscheinung sind »eben den Bettlern, von denen wir uns auch durch Autopsie hier in Deutschland ein Bild machen können, die Bettler für Bettler, welche in der Person des Simcha Kaftan, der bei seinem Leben die Zielscheibe des Spottes bei Jung und Alt in Wilna gewesen, heldenhafte Berkörperuug gefunden. Simcha Kaftan tauchte in Wilna plötzlich auf, man mußte weder wer noch woher er war. Für sich war er völlig bedürfnislos, ein Aseet ersten Ranges. In ein weißes Gewand nach Essäerart gehüllt mit einer gelbgraucn Kapntze über seinem Haupte ließ er sich weder durch Hitze und Kälte noch durch Sturm und Wetter znrückhalten den an ihm vorübergehenden Menschen die Sammelbüchse entgegenzuhalten den Bibclvers unermüdlich reeitirend „Mildtätigkeit rettet vom Tode". Simcha Kaftan hatte jährlich 40,000 Rubel ans diese Weise znsanimengebracht und an Arme verteilt. Als erstarb folgten 20,000 Menschen seiner Leiche, der Spott verwandelte sich in Verehrung. Simcha Kaftan's Heimgang in die bessere Welt wurde in Wilna tief beklagt und er schwebt all denen als Ideal vor, die heute noch bei eigener bewundernswerten Anspruchslosigkeit an das Leben unermüdlich betteln, um der Annen Not zu lindern, der Leidenden Elend zu heben. Wilna war früher der Sitz einer Rabbinerschule, die vom Staate ins Leben gerufen und erhalten wurde. Man hoffte durch aus dieser Schule hervorgegangene Rabbiner auf die Gemeinden wirken zu können und ans Lehre und Leben der Juden woltätig Einfluß nehinen zu können. Die Anstalt hatte jüdische Lehrer und einen nichtjüdischen Direktor, welch' letzterer Übelstand gewiß daher stamint, weil unter den russischen Juden eine hiefür geeignete Persönlichkeit nicht leicht ausfindig zu machen war, welche der Regierung genug Garantieen bot, daß das Institut in ihrem Sinne geleitet werde. Aber diese Rabbinerschule konnte sich für die Dauer nicht behaupten, denn es ist nicht so leicht ausführbar in Rußland, das Judentum aus Grund seiner Wissenschaft und seiner Geschichte neu zu gestalten, und sind alle Versuche nach dieser Richtung hin für den Augenblick vergeblich. Wilna besitzt sechs sogenannte Kronsschulen, in welchen die russisch-jüdische Jugend die Etemeutc allgemeiner Bildung empfängt und tragen diese Anstalten viel dazu bei, den jüdisch-deutschen Jargon nach und nach ganz zu verdrängen. An der Spitze der gemeinsamen Woltätigkeitsanstalten stehen zwei auch außerhalb Wilnas durch ihren Charakter und durch ihre Gelehrsamkeit gleich ausgezeichnete Männer, die auch über die Gränzen ihres Vaterlandes hinaus sich eines Rufes erfreuen, der bedeutende Talinudist Mathes Strassun und der Redakteur des „Hakarmel" Joses Fiiiiii. Die Gebräuche der verschiedenen Anstalten, die sehr bedeutend sind, werden aus der Koropke d. h. Fleischsteuer bestritten. Eine eigentümliche Sitte, von der wir bisher nichts gehört haben, ist das in Wilna übliche „Lichtbenschen", ivelches darin besteht, daß die Wilnaer jüdischen Frauen Freitag Nachmittag, arm und reich, mit Lichtern in die Synagoge gehen, dieselben dort anzünden und dabei den dort harrenden Armen Geld geben. Im Ganzen zeichnen sich die Wilnaer

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