Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 93 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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S3 rigen Verhältnissen nicht lossprechen, zu beseitigen und unsere Anschauungen über Land und Leute in Rußland zu reetificieren. Diese Schrift ist trotzdem daß sie die schönen Züge der russischen Juden sehr hervortreten läßt darum keine Tendenzschrift zu nennen und blickt bei allem Lobe manchmal durch eine allgemein hingeworfene Bemerkung auch der Tadel durch, den der Verfasser, wenn er auch seine Feder in Liebe getaucht, nicht unterdrücken und verschweigen kann. Es ist in Rußland bei Juden und Nichtjuden feststehende Meinung, daß die Judenhetze, die in Deutschland ihren Anfang genommen, sich nach Rußland verbreitet und dort dem Bildungsgrade der Bevölkerung angemessen in so traurig schauerlicher Weise um sich gegriffen, weil man die öffentliche Meinung Europas, durch Deutschland gedeckt, nicht mehr fürchten zu müssen glaubte. Gehen wir nun auf die interessanten Schilderungen selbst über. Wilna mit seinen 120000 Einwohnern, von denen der größte Teil Juden sind, besitzt einen großen jüdischen Arbeiter- und Handwerkerstand, welcher der Bevölkerung ausmacht. Bemerkenswert ist noch, daß alle Baugewerke in Händen der Juden sind. Wenn die Kirchenkuppel mit Zink zu überziehen ist oder mit lebhaft blauer oder grüner Ölfarbe zu bemalen ist, wemr der Goldglanz des gewaltigen Knopfes und Kreuzes auszubessern ist, so muß immer ein Jude da hinauf, welcher das Wagestück übernimmt und auch allsführt. Sage einer noch nach diesen Schilderungen, die Jndeil wären arbeitsscheu und fliehen das Handwerk! Das Handwerkerwesen ist weise geordnet und streng geregelt. Die Zuufteinrichtung ist obligatorisch. Wer nicht in eine Zunft allfgenommeir ist, darf als selbständiger Arbeiter nicht auftreten. Als Meister arbeiten und Lehrlinge halten darf nur der zünftige Handwerker, der seine Lehrzeit vollendet, als Geselle gearbeitet und sein Meisterstück gemacht hat. Die Zünfte stehen unter Obermeistern, diese haben wieder einen Oberzunftmeister, welcher ein von der Regierung anerkannter Beamte und darum kein Jude ist. Der Handwerker genießt auch Vorrechte, lvie der Kaufmann erster Gilde, und wie der Studierte, er kann sich überall niederlassen. Wilna besitzt mehr als 22 jüdische Handwerkervereine und weil die Handwerker religiös und etwas theologisch gebildet sind, nuterhalten sie auch eigene Bet- und Lehrhäuser, in welchen sie ihr Herz zu Gott erheben und nach den Mühen des Tages und an Festtagen Belehrung von den dazu Bestellten erhalten. Die Fleischer, die Kürschner, die Schneider, die Schuhmacher, wie die Schornsteinfeger erhalten ans eigenen Mitteln ihre „Klaus". Ja die Fleischer erhalten nebstdem eine Art talniudischer Hochschule, die von mehr als achtzig Jüngern frequentirt wird. Das meiste Leben concentrirt sich im sogenannten „Schulhof". Zu beklagen ist, daß eine jüdische Gemeinde von solcher Größe keine Organisation besitzt, und die eentrifugale Richtung, die sich in Allem und Jedem kundgiebt und daß dem Gesetze der Schönheit in Eultus und Leben zu wenig Rechnung getragen wird. Auch die theologische Bildung, die dort die Jünger genießen, ist eher im Stande den Geist zu verkrüppeln als ihn zu erleuchten. Es ist darum troß allen Aufwandes von Zeit und Geld und Mühe an einen wirklichen geistgeu Erfolg nicht zu denken. Hier wäre ein Feld, sich geistig der Brüder anzunehmen, die in Finsternis dahergehen und zu denen kein Stral höherer Erkenntnis dringt. So besitzt z. B. eine Gemeinde >vie Wilna kein eigentliches geistliches Oberhaupt. Dem Scheine und der Regierung zu genügen besitzt sie zwar einen sogenannten KasennoierlKrvns-) Rabbiner, gegenwärtig in der Person des Herr» 1),-. A. Gordon. Der Krons-Rabbiner bekleidet mir zum Scheine diese Stellung; es ist eigentümlich, er ist Gemeinderabbiner und ist es doch nicht.