Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 90 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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90 die wir ohne den Wiederanfbau des Tempels dort doch nicht verwirklichen könnten. Eines besonder» Landes für die Befriedigung nationaler Sonderinteresfen bedürfen wir jedoch nicht, indem wir keine derartige haben, sondern aus ganzer patriotisch-treuer Seele der Nation ergeben bleiben wollen, die uns politisch als gleichberechtigte Bürger des Landes und religiös als freie Juden duldet!! Wer uns demnach den Vorwurf entgegenschlendert, daß wir im geheimen Herzenswinkel Palästina noch immer fiir unser Vaterland halten, der hat keine blasse Vorstellung von der Entwicklungsgeschichte des jüdischen Volksgeistes, oder besser gesagt, will sich aus absichtlicher Bosheit gegen alles Jiidische kein klares, objektives Urteil darüber verschaffen. «Schluß folgt.) Die Leichenfeier Wertßotd Auerbachs. Am lö Februar 1H82 zu Aordstrtteu. Mit dem Frühlingsnahen ist er dahin geschieden der gemütvolle Dichter der Schwarzwälder Dorfgeschichten, die nns so manche weihevolle Stunde verschönt haben. Das war ein Wandern von Nah und Fern nach dem einsamen Dörflein auf der Höhe über dem Neckar zum ossenen Grabe, in welches die Leiche Berthold Auerbachs versenkt und gebettet werden sollte, in der Heimaterde nach einem langen, viel bewegten Wanderleben. Auch von Hechingeu, wo Auerbach seine Talinudstudien begonnen, waren eine Deputation der israel. Gemeinde und mehrere Verehrer des Dichters zur Begräbnißfeierlichkeit erschienen. Hatte er doch Hechingeu eine treue Anhänglichkeit, namentlich der Familie des Talmudisten Reichenberger, bei welchem er „in der Münze" gewohnt, stetssort bewahrt und hat er denn auch gerne Erinnerungen au Hechingeu in >eine Schriften eingeflochten, so in „Ivo der Hairle" im „Frankfurter Lotterielovs" und in der Skizze: „Hechingeu und Florenz" re. Ja noch in den letzten Jahren hatte er mehrmals Hechingen besucht und sich stets nach jenen alten Bekannten und Familien erkundigt, zu welchen er einst in näherer Beziehung gestanden. Wol noch nie hat das bescheidene Nordstetten so viele Menschen in sich vereinigt als am gestrigen Tage. Der Sarg war im Schlosse, jetzt Gemeindehaus, aufgebahrt, dem Auge kaum sichtbar, so reich war er mit Blumen, .ttränzen und Palmzweigen, die ans Cannes mitgekommen, geschmückt. Pom Schlosse aus — vorbei am Geburtshause des Dichters — ging der Ing in guter Ordnung nach dem hochgelegenen israelitischen Gottesacker, woselbst bereits eine nach mehreren Tausenden zählende Menschenmenge das Grab umstand. Den Bcgräbnisakt leitete Herr Di-. Silberflein Rabbiner ans Mühringeu, mit einem Gebete ein, worauf eine Abteilung der akademischen Liedertafel aus Tübingen einen Grabgesang vvrtrug. Ein gewaltiger Wind machte Gesang und Rede schwer vernehmbar, es war als wollten noch die Tannen und Fichten des Schivarzivaldes ihren Scheidegruß Herüberrauschen. Nach den, Gesänge sprach Herr 1 >r. Silberstein. Wir heben aus seiner Rede blos einzelne Sätze hervor. „Er, der große und edle Sohn seines, unseres uralten Stammes und