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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-04-01 · Heft 4 (1.4.1882) · p. Seite 89

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 4 (1.4.1882)
Date
1882-04-01
Page
Seite 89 (sequence 17)
Language
German
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89 lichen Untergang und verließ den Boden Kanaans, mit dem es nicht verwachsen sein konnte, weil es auf ihm nicht zuin Volke wurde, mit einer welthistorischen religiösen Sendung an die ganze Menschheit, die von jeher sein Kraft- und Lebenspendendes Element gewesen, so daß es sich damals, als es die Ruinen seines zertrümmerten Staatsgebäudes verlassen hatte, mit jenem griechischen Weisen trösten durfte: „omnia raea mecum porto,“ diejenige Idee, die mein Volkstum begründete, trage ich mit mir und werde gerade durch sie überall unter den Nationen eine die Reinheit der Moral und des Glaubens befördernde Religiosgesellschaft bilden, die in nationaler Beziehung mit inniger Liebe und Treue an all den Culturländern hängen kann, welche die Freiheit des religiösen Lebens gewähren, weil eben nur die freie Ausübung meiner Religion und nicht die freie Enthaltung meiner Nationalität mich mit heiligen Banden der Liebe an das Land der Verheißung fesselte. Ist mir nur jene erstere verbürgt auch in einem andern Lande, in der'Mitte einer Gerechtigkeit liebenden Nation, so will und werde ich mit ganzer opferfreudiger Kraft au der Beförderung ihrer nationalen Größe Mitarbeiten, und dem Boden, auf dem sie selbständig wirkt mtb schafft, als mein teures Vaterland betrachten"!! Wohl wurde unmittelbar nach der Einäscherung des Tempels und Opferaltars in Jerusalem ein großer Theil des jüdischen Volkes von dem bis zur Verzweiflung treibenden Jammergedankcu ergriffen, daß nur die Pulsadern des Judentums durchschnitten sind nicht etwa wegen des national-politischen Ruins, sondern wegen der Vernichtung des Brenn- und Mittelpunktes seines religiösen Lebens. Allein allmählich ward durch lichtvolle Geister und Weise des Talmuds in der überwiegenden Mehrheit Israels die Überzeugung befestigt, daß der Lebenskern der jüdischen Gottesanbetung nicht im priestcrlichen Tempeldienst, sondern im Geiste und Herzen jedes Juden ruht, daß die Sündenvergebung nicht das blutige Opfer, sondern das Wohltun, die lautere Nächstenliebe bewirke, wie dies viele Jahrhunderte vorher die Propheten freilich vergebens kündeten, und so verschwand im Laufe der Zeiten jener lähmende Gedanke aus dem Geiste fast aller Bekenner des Monotheismus, die sich dann in erneuter Lebenssrische und Rührigkeit all den Nationen trenlichst angeschlossen haben, in deren Mitte sie das Menschenrecht und die Freiheit ihres Glaubens erlangten. Denn der Jude wollte stets nur religiös, niemals aber national selbständig sein auf der weiten Völkerbü hne!! Und wenn doch noch heute eine winzige Minorität der Judenheit sehnsüchtig nach Jerusalem blickt ititb voll Ungeduld des Erlösers harret, der sie dahin zurückführen soll; so geschieht dies durchaus nicht in dem Verlangen, wieder ein selbständiges national-staatliches Leben zu begründen, sondern einzig und allein in der noch immer andauernden naiven Befangenheit, daß der rechte jüdische Gottesdienst ohne das Heiligtum und den Opferaltar auf der geweiheten Zionshöhe eine reine Unmöglichkeit sei. Man möge einmal den Versuch machen, all jenen altfrommen Juden die Rückkehr nach Palästina zu propvniren unter der Bedingung, daß ihnen die Großmächte wohl zur Neubegründnng ihres jüdischen Staates mit allen möglichen Mitteln verhelfen werden, daß sw aber den alten Tempel- und Opfercuttns nicht wieder einführen dürfen, und wir können dessen gewiß sein, sie würden sich gegen eine solche Proposition mit Händen und Füßen sträuben und folgendermaßen sprechen: Wir hatten nie und haben auch jetzt keine Sehnsucht nach Palästina als nach unserem Vaterlande, sondern blos als nach jener gottgeweihten Stätte, wo unser Heiligtnni mit seinem Enltns stand, da wir nur religiöse Wünsche hegen, 8

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