Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969684-2969689--0410-2970829- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
88 Tempel- und Altardienst denken!! Im Centralheiligtum auf Zion erblickte es die Pulsadern seines ureignen religiösen Daseins vereinigt, und nicht in seinen politischen Institutionen; so lange daher das Schwert der Fremdherrschaft jenes unberührt ließ, so lange fügte es sich ihr ganz willig, oft sogar in opferfreudiger Treue, so lange machte'es nicht den Versuch, das Vaterland durch eine Revolution zu befreien, und dessen sozial-politische Verwaltung wieder in die eigne Machtsphäre zu bringen. Mit einem Worte: Für ein nationales Märtyrertum hatte der jüdische Volksgenius weder Lust noch Talent, während sein religiöses Märtyrertum von keinem Volke auf Erden übertroffen wurde. Die Religion füllte so ganz und ausschließlich die Seele des Volkes aus, daß es, angegriffen von den grausamen Syrern, sich wehrlos hinschlachten lies, um nur ein einziges religiöses Gesetz, nämlich das der Sabbathruhe, nicht zu verletzen, obgleich Leben und Vaterland, ja sogar das Heiligtum in Jerusalem auf dem Spiele stand. Es ist dies eine Tatsache, die sich nicht etwa in der Zeit der nationalen Stumpfheit und Resignation des alten Israel ereignete, wo das allgemeine Unglück selbst einen solchen bis zum Selbstmorde drängenden Glaubenseifer erklärlich macht, sondern in der glorreichen Periode der Makkabäer, wo die kühnsten Hoffnungen auf eine nationale Wiedergeburt das Volk zum heiligen Kampfe hätten entflammen müssen; es ist dies eine Tatsache, die beispiellos in der Kriegsgeschichte der Nationen dasteht und die psychologisch nur dann erklärbar ist, wenn wir annehmen, daß dem alten Judenvolke der nationale Sinn für ein politischselbständiges Gemeinwesen fast gänzlich mangelte und auch das Vaterland nur insoweit teuer war, insoweit es Schutz und Hort seines freien religiösen Lebens bildete. Die Verteidigung des Landes war ihm daher niemals Selbstzweck und wo diese mit der religiösen Vorschrift collidirte, mußte sie unterbleiben trotz Tod und Verderben. — Man hat zwar nach diesem blutigen Ereignisse durch Auslegung eines Satzes in der Thora den Verteidigungskampf auch am Sabbate gestattet; allein — und dies ist wieder höchst charakteristisch für den jüdischen Volksgeist — nicht etwa im Interesse des bedrohten Vaterlandes, sondern nur im Interesse des zu rettenden Heiligtums auf Zion, wo ja der Opferdienst das Cereinonialgesetz der Sabbatweihe ohnehin aufgehoben hatte. — Wahrlich, denken wir uns einmal, es hätte die heidnische Religion den alten Hellenen oder Römern eine solche Tagesfeier anbefohlen, welche selbst die Verteidigung des Vaterlandes gegen einen Xerxes oder Hannibal nicht erlaubte, was wär. wohl geschehen V Es hätte sich da gewiß der nationale Geist des hellenischen oder römischen Kriegers, bei all seinem Aberglauben kühn über ein solches Verbot hinweggesetzt in dem Bewußtsein, daß selbst seine Religion dem Dienste für das Vaterland weichen müsse, an dessen Bestand oder Untergang das Sein oder Nichtsein der Nation geknüpft >var. - Gerade die entgegengesetzte Denkweise machte sich in Israels Kriegsheer geltend. Ihm war der kleine Raum des Zionberges, wo das sichtbare Heiligtum seines Gottes stand, teuerer »och wie der ganze übrige „Raum Palästinas; doch selbst den Besitz jener Stätte wollte es nicht durch die Übertretung des religiöseil Gesetzes sichern, iveil das allein das Lebenselement des Judentums bildete. Und dieser Denkweise, die vielleicht den raschen Sturz des jüdischen Staates mitverschuldete, verdankt das jüdische Volk seine Unsterblichkeit unter den verschiedenen Nationen des Erdballs. Denn während selbst die mächtigen alten Völker mit dem Verluste ihres Landes auch ihr nationales Leben einbüßten , überlebte das klassische Urvolk der Religion seinen eignen staat-