Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 87 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Überlieferungen ausgebildet!!" Und aus dieser Vorstellung der Autochthonie, und nur aus dieser läßt sich jene wunderwirkende, todesverachtende nationale Liebe der Hellenen erklären, mit der sie an jeder Scholle ihres Vaterlandes hingen, die sich für nichts auf Erden so sehr begeistern konnten, als für die heroische Verteidigung desselben gegen innere und äußere Feinde. Das freie und blühende Vaterland war ihr einziger Lebenszweck, dem sich Alles, Familie, Glaube, Moral, Kunst und Wissenschaft, als bloßes Mittel unterordnen mußte. Daß aber bei vielen andern arischen und semitischen Volksstämmen Asiens das heilige Feuer der Vaterlandsliebe doch nicht so begeisternd wirkte, wie bei den Griechen, obgleich auch sie in einem autvchthonen Verhältnisse zu ihrem Lande sich dachten, hat seinen Grund in der Regierungsgewalt, der sie unterworfen wurden. Wo, wie in den weiten Flußtälern des Nils und Ganges und in den Ebenen Asiens, diese Gewalt zur Despotie geworden war, welche die Menschen zu willenlosen, tierähnlichen Lastträgern erniedrigt hatte, dort vermochte selbst das innigste Verhältnis zum Muttcrboden keine nationale Liebe zu erzeugen, weil dessen Bewvlmer in ihrer Heimat sich nicht glücklicher, in ihrem Wünschen und Wollen sich nicht unabhängiger fühlten wie in der eiskalten Fremde. Es gab ja für sie kein Recht und Schuh gewährendes Vaterland, keinen ureignen Raum, auf dem sie sich selbst augehören durften; es gab für sie nur ein eisernes Joch und eine zur Schlachtbank treibende Geißel des wahnwitzigen Tyrannen, der sich von ihnen als einen Gott anbeten ließ. — Dort hingegen, wo von der natürlichen Beschaffenheit des Mutterbodens begünstigt, der rohe Naturstaat in dem blos das Recht des Stärkern herrschte, zu einem Volksstaate sich veredlen konnte, dessen Bürger durch ein vernünftiges Gesetz freie Menschen wurden, dort veredelte sich auch das urwüchsige Volksgefühl der Autoclithonie zu jener bewunderungswürdigen Vaterlandsliebe, deren Helden eher Gut und Blut freudigst hinopferten als ein Teilchen des theuern Bodens, an dessen Besitz die Unabhängigkeit, ja das Leben ihrer Nationalität geknüpft war. — Obzwar nur das alte Israel in Palästina von keiner solchen orientalischen Priester- und Despotenmacht niedergehalten werden konnte, da dort der volksfreundliche, durch die Religion geheiligte Geist des Prophetentums ihr stets als Recht und Freiheit schützende Autorität energisch entgegen trat, hat in seinem Volksherzen dennoch nicht die Liebe zu seinem Lande den ersten Platz eingenonimen, weil eben das Verhältnis zum Boden Palästinas kein unmittelbares, kein aus der Vorstellung der Autochthonie entwickeltes war, wie bei den übrigen Völkern des Altertums. Denn nicht als eine lose und rohe Volksmasse wurde Israel auf den Boden Canaans geworfen, um erst unter dessen klimatischen, tellurischen Einflüssen zu einem eigentümlichen Volksganzen zu werden; sondern es zog schon als ein seiner religiösen Mission sich vollkommen bewußtes, durch eine theokratische Verfassungsform geordnetes und festgegliedertes Volkstum aus der Wüste in Palästina ein, um vorerst da, wo ihm eine uralte Familientradition von einem still-bescheidenen Glaubensleben seiner Ahnen erzählte, unter schweren Kämpfen mit den Urbewohnern einen Gottesstaat zu gründen, dessen eigentliches Reich nicht blos das kleine Kanaan, sondern die weite Welt werden sollte und teilweise schon geworden ist; dessen Bestehen oder Vergehen daher seine Bürger von vornherein nicht von der politischen Selbständigkeit oder Abhängigkeit des kleinen Ländchens wohl aber ausschließlich von der Freiheit oder Beschränkung seines öffentlichen religiösen Lebens in demselben abhängig dachten. — Wie der Hellene sich nicht ohne Hellas denken konnte, so konnte das alte Israel sich nicht ohne den