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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-04-01 · Heft 4 (1.4.1882) · p. Seite 81

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 4 (1.4.1882)
Date
1882-04-01
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 russischer Geschichte, wo Abbrennung an der Tagesordnung war. Wo nur der Fieberpunkt der Aufregung erreicht ist, — Brand ist gewöhnlich die Richtung in welche sie iibersiiesit. ' Es ist dies sosehr anerkannt in Rußland, daß die Landleute einen technischen Namen für das beabsichtigte Abbrennen der Städte haben: der „rote Hahn kräht" sagt man. Während des vergangenen Jahres nahm man zu dieser Rachemethode in weitestem Maße gegen die russichen Juden, hauptsächlich in dem Westen, die Zuflucht. Ende Juni hatte der „rote Hahn" über 15 Städte in Rußland gekräht, über große Städte wie Mohilew mit 2500V, Witebsk mit 23000 und Slonim mit 300Ö0 Einwohnern, als auch über kleinere Städte, wie Volkowysk, Schirwindt, Augustowo, Nowo Grudek, Ponowicz und Lipsk. Viele Tausende von Juden wurden heimatlos gemacht auf diese Weise, und am 3. Juli verloren 6000 Juden durch Feuer ihre Häuser in Minsk, während 4800 aller Subsistenzmittel gleichzeitig beraubt wurden. Ein gleiches Schicksal erlitt die Stadt Pinsk in derselben Provinz. Kurz darauf fand ein gleicher Brand in Koretz in Wolhynien statt, bei welchem 30 Personen verloren gingen und 5000 ohne Heimat blieben. Jede Woche vergrößerte die Anzahl der Brände in von Juden bewohnten Plätzen, bis Ende September die Liste sich auf 41 Städte ansdehnte. Dadurch haben wahrscheinlich 20000 Juden den Verlust ihrer Heimat zu beklagen. Zu der Masse Heimat- und pfennigloser Creaturen in Südrußland, müssen noch die vielen Opfer der Plünderung hinzugefügt werden. Die Gewaltthätigkeit des Pöbels zertrümmerte oft ganze Straßen und deren Häuser so vollständig als irgend ein Feuer, und wir wissen von 2000, welche auf diese Weise in Kiew heimatlos wurden, 1600 in Smielo, 1000 in Konopop, 600 in Ouchow, 300 in Obuchow. Der Wert an zerstörtem Vermögen im Süden, wurde auf 16 000 000 Livres Sterling berechnet. Möglich ist es, daß eine Gesanimtzahl von 100000 jüdischen Familien auf diese VZeise zur Armut reduzirt wurde. Die Reihen der zu Grunde Gerichteten, wurden noch durch diejenigen vergrößert, welche nicht ihre rechtmäßigen Schulden zu fordern wagten, weil die Landbevölkerung in vielen Fällen absichtlich die Juden geboyeottet hatte. Weiterhin muß bemerkt werden, daß an verschiedenen Orten die Juden de» Aufständen durch das Verlassen ihrer Wohnungen zuvorkamen, so wurden bei Perejaslaw nach dem Aufstande an diesem Platze, nicht weniger als 17 Wohnungen in der Nachbarschaft von den Juden verlassen, und dasselbe hatte zweifelsohne auch an andern Ortschaften statt. Leute flohen aus Dörfern, in welchen sie ihr Lebenlaug gewohnt hatten. Selbst nach den Ereignissen von Kiew, versammelten sich die Juden der Nachbarschaft in der Anzahl von 100 Familien an einem Tage in der Stadt, die sich erst kürzlich ihnen feindlich gezeigt hatte. Andere flohen den Grenzen zu, und während der Sommermonate belief sich ein Lager von Flüchtlingen unter freiem Himmel zu Podwolocziska auf nicht weniger als 1500 Seelen, einschließlich Kinder von dem zartesten Alter. Wenige, welche einige Mittel besaßen, versuchten die Grenze zu übeschreiten, wurden aber aufgehalten. Von 5000, welche Brody, an der österreichischen Grenze zu erreichen suchten, in einer durchaus hülflosen Lage, sind noch 2000 dort, in Kellern zusammen eingeschlossen, geblieben. Welche Schrecken erwarten noch die Tausende und Tausende, welche ohne Hülfsquellen zurückgeblieben sind, un> die strenge Kälte des russischen Winters zu gewärtigen. — Niemand außerhalb Rußlands kann sich davon einen Begriff machen. — Inzwischen nahmen die Munizipalitäten mit der blinden Nachsicht der Lokalgouver-

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