Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 wundet wurden. Selbst bis zum November beeinflußte die Mythe des Raubukases die Landbevölkerung. Am 15. jenes Monats plünderte eine Bande von 100 Bauern zu Czarwona bei Zitomir das Besitztum der Juden unter jenem Vorwände. Schließlich, um den erregbaren Zustand des Volksgeistes zu zeigen, bewiesen die Sarah Bernhardts - Unruhen zu Kiew den 18. Nov., daß der bloße Argwohn, die Schauspielerin sei Jüdin, genügend war, wiederum die Wut des Pöbels zu erregen, und ihn zu veranlassen, das jüdische Viertel dieser Stadt anzugreifen. Schließlich muß der Schreckenskatalog mit Hinweis auf die Aufstände in Warschau, zu Weihnachten und den folgenden Tagen geschlossen werden. Die detaillirten Ereignisse dieser Tage, wo 300 Häuser und 600 Läden geplündert und verwüstet wurden, tausende von Opfern heimatlos gemacht, und zu Bettlern reduzirt wurden, sind zweifelsohne frisch in Jedermanns Gedächtnis, aber gewisse Thatsachen müssen wieder wegen ihres typischen Charakters erwähnt werden. Zuerst war der Aufstand genau geplant, gleichzeitig der Feuerlärm in mindestens zwei Kirchen erhoben, und der Pöbel wurde von Leuten geleitet, die das Polnische mit russischem Accente sprachen. Die strafbare Vernachlässigung der Militärautoritäten in Warschau, in der Weigerung von den 20000 in Garnison befindlichen Soldaten Gebrauch zu machen, findet ihr Gegenstück in dem ähnlichen Benehmen des Gouvernements Kiew, Elisabethgrad und Odessa, früher in dem Jahre. Die Haltung der Polizei, welche beschrieben wird, als lediglich einzuschreiten, um die Juden an Selbstbeschützung zu hindern, stimmt genau mit ihrem anderwärtigen Benehnien. Und schließlich, die von offiziellen und andern Telegraphen gemachten Versuche, den wahren Zustand der Dinge von dem übrigen Europa entfernt zu halten, mag die Verantwortung für die außerordentliche Thatsache tragen, daß die Abnormitäten der vergangenen neun Monate nur das schwächste Echo in der europäischen Presse fanden. So ward, während öffentlich Schändungen an Frauen verübt wurden, die Kenntnis dieser Thatsache bisher an der Überschreitung der Grenze verhindert. Die eben erzählten Frevel, obschon ohne Zweifel die erheblichsten, sind weit davon entfernt, alle ähnliche Ereignisse des letzten Jahres in sich eiuzuschließen. Sie wurden aus einer Liste von über 160 Städten und Dörfern, in welchen Fülle von Aufruhr, Raub, Mord, Gewalt, die sich während der letzten 0 Monate 1881 zutrugen, entnommen. Nebstdem war noch Erkundigung eingezogen von ungefähr 45 Städten und Dörfern in Südrußland. In diesen allein werden über 23 Morde an Männern, Frauen und Kindern, 17 Todesfälle verursacht durch Gewaltthat, und nicht weniger als über 225 Fülle von Schändungen an Jüdinnen berichtet. Dies waren die Schrecken, welche im Laufe des ganzen vergangenen Jahres die Juden, welche Rußland bewohnen, befielen. Auch ist kein Hinweis dafür vorhanden, daß diese Greueltaten während des gegenwärtigen Jahres aufhören werden, wenn die russische Regierung nicht eintreten wird, für die geheiligte Sache der Civilisatiou und Humanität. II. Außerdem, daß sie an die blinden Leidenschaften des Pöbels appellirten, nahmen die Judenhasser Rußlands im Laufe des vergangenen Jahres zu systematischeren Anstrengungen, die unglücklichen Juden zu ermatten ihre Zuflucht. Der russische Moujik hat eine nur ihm eigentümliche Methode, seine Wut und seinen Haß auszudrücken. Moskau ist nur das berühmteste Beispiel ans Perioden