Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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79 Der einzige Helle Punkt imnitten aller dieser Finsternis war der Aufstand in Polen, wo die Inden mit der Bevölkerung stets in Freundschaft zusammen gelebt haben. Das dauerte so lange, bis General Jguatiew den Gouverneur Polens anwies, Commissionen von Experten aufzustelleu, um zu erkennen, wie die Juden zu behandeln seien, welcher Thatsache dort wohnhafte Personen den Ursprung der anti-jüdischen Gesinnung, welche in den Warschauer Aufständen endigten, zuschreiben. Aber außerhalb Polens hielten diese Ausbrüche des Volksvorurteils eine Bevölkerung von 200U(J00 Menschen in beständiger Furcht, hinsichtlich ihres Lebens und ihres Eigentums. Zn Zeiten wagten sie nicht ihre Kleider des Nachts abzulegen, indem sie befürchteten, jeden Augenblick fliehen zu müssen. Beständig hat seit dem letzten April das Furchtgefühl und die Unsicherheit auf dem Leben aller russischen Inden gelastet. Nicht ein Monat, kaum eine Woche verging seitdem, ohne einen Ausbruch oder einen anderen Vorfall, der diese Furcht bestärkte und sie vergrößerte. Nach dem Vorfälle zu Saratow, a>n 8. Juni, in welchem 30 Juden verwundet wurden, war ein verhältnismäßiger Stillstand in den gewaltsamen Formen der Mißhandlungen eingetreten. Doch früh im Juli wurden die Nachbarschaft von Kiew und die Ufer des Dnieper abermals von Seenen heinigesucht, welche die Schrecken des Mittelalters zurückrnfen. Am Samstag, den 12., fand ein öffentlicher Aufruhr zu Perejaslaw Statt, ivelcher durch die Thatsache charakterisirt wird, daß der Pöbel zu dein Angriffe von den Söhnen der Kaufleute des Distriktes angeführt war. Geschäftliche Eifersucht fügte hier ihren Stachel zu den religiösen und socialen Differenzen, und war der Kampf daher Hierselbst von einer gewaltsameren Natur als gewöhnlich, und während 30 von dem Pöbel verwundet wurden, erhielten nicht weniger als 200 Juden ernstliche Verwundungen von den Händen ihrer Nachbarn, und drei starben in Folge hiervon; 176 Häuser wurden zerstört und durch Feuer verbrannt. In Borispol fielen am 21. Juli während des Aufstandes Seenen vor, die der schlimmsten Tage der Coummne tvürdig sind. Zum ersten Male zeigten sich hier Frauen unter den Angreifenden, und trugen zu dem Schrecken bei. Während des Aufstandes ermutigten sie ihre Freunde zuni Kanipfe, und wurden gesehen, wie sie bei der Schändung der Jüdinnen des Dorfes mithalfen, indem sie die unglücklichen Geschöpfe niederhielten. Eine kuriose Petition, welche von dieser Nachbarschaft gesandt ward, forderte unter anderen Dingen, daß es den Jüdinnen nicht mehr erlaubt sein soll, Seide und Satinv zu tragen, was ein gewisses Licht auf die Beweggriinde jener Viragos werfen mag. Der Leser wird nunmehr mit den schrecklichen Verbrechen, die vor ihn gelegt sind, gesättigt sein. Die Einbildungskraft wird nun fähig sein, den ganzen Sinn der nackten Statuirung — so häufig im vergangenen Jahre - daß antijüdische Aufstände in einem solchem oder solchem Distrikte Südrußlands stattfanden, zu begreifen. So genüge es denn noch hinzuzufügen, daß der Monat August solche Aufstände in Njezin am 2., in Lubny am 8., in Borzny den 18., und in Jtchny den 28. sah. Wenn der September vergleichungsweise frei war von Unglücksfällen, so muß das Aufhören derselben mehr den Bedürfnissen der Ernte, als der Beruhigung des Volksgeistes zugeschrieben werden. Denn früh im Oktober griff der Pöbel die Juden in Balwierzisky an, im Gonverneinente Suwalky. Am 3. October war der Versöhnungstag, der heiligste Tag des jüdischen Kalenders, und der Pöbel ergriff die Gelegenheit die Synagoge zu zerstören und das jüdische Viertel zu zertrümmern, wo ein Jude getödtet, zwanzig ver-