Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 stärke dich, ich rette dich, ich leite dich in der Kraft meines Rechtes", so redeten die Profeten zu Israel, als es nach dem Untergänge seiner Macht abermals auf fremder Erde das bittere Brod des Elends aß, und Keiner da war, der in seiner Verlassenheit es trösten, aus seiner Bedrücktheit es aufrichten wollte, und wahrlich, das stolze babylonische Weltreich war bald verschwunden, und Israel feierte von Neuem den Sieg der göttlichen Gnade und des ewigen Rechtes. Und so hat es immer von Neuem an sich erfahren und bewährt gefunden, daß das Auge Gottes auch in den Nächten wacht und die Hand des Ewigen auf unsichtbaren Wegen Heil und Rettung bringt. „Siehe, er schläft nicht und schlummert nicht der Hüter, Israels," es entzieht sich das Walten des Ewigen, das alle Welten und Zeiten umfasset, zwar unserer Einsicht und Erkenntnis, aber in dem Geiste, der in der Menschheit lebt und in dem Gange der Entwickelung, den sie genommen, da tritt es mit nicht wegzuleugnender Deutlichkeit hervor, und die Geschichte Israels von ihrem Beginne, den das heutige Fest uns vergegenwärtigt, bis auf die jetzige Zeit herab, in der man von Neuen uns ein Mizrajim zu bereiten sucht, zeigt uns die gnadenreiche Leitung des Ewigen und den fortschreitenden Sieg der Wahrheit. Es erscheint unsere ganze Vergangenheit uns als eine lauge Nacht, in der Finsternis uns bedeckte — aber wir können es mit freudigem Bewußtsein verkünden. — In den Nächten hat Gott gewacht und durch das Dunkel führte er uns zmn Lichte. Wir blicken zurück in diese unsere Vergangenheit, schauen hin auf die Wege, die unsere Väter getvandelt, führen die Geschichte Israels uns vor, wie sie im Laufe der Zeiten sich gestaltet und entwickelt hat, und mit Staunen erfüllt uns diese Betrachtung, mit Stolz, mit Hochgefühl. Ein Volk sehen wir da, wie auf Erden kein zweites; die ganze Welt ist ein großes Mizraim, in allen Ländern trägt Israel das Knechtesjoch, ist Schmach und Elend das Los, das ihm bereitet wird. Doch in dieser Knechtschaft ist es freier als die, die es bedrängen, in seiner Erniedrigung steht es höher als die, welche mit ihren« Hohne es verfolgen u««d mit ihrem Hasse es herabsetzen. Da ist ein Volk zu sehen, das nur durch seinen Geist lebt, durch keine Hoffnung, durch seinen Glauben, das alle Schäze, alle Ehren, die ihm dargeboten «verden, so es diesen Geist verleugnen möchte, verschmäht und ausschlägt, >«m u««r den Schaz zu erhalten, der das geistige Heil in., sich faßt und mir die Ehre sich zu retten, die in der Gesinnungsstärke und Überzeuguugstreue besteht. Die Nacht der Leiden zieht sich immer dichter über dem Haupte Israels zusammen, läßt überall auf den Gefilden seines Bestandes sich hernieder, aber ihre Finsternis verdunkelt seinen Blick nicht, mit hoffnungsvollem Herzen blickt es dem Morgen einer herrlichen Zukunft entgegen. Geisteslicht erhellet seine Pfade, und das erhebende Bewußtsein, daß es für die höchsten Lebensgüter der Menschheit einstehe, die Wahrheit, die es verkündete, einst «vie die Sonne am Himmel leuchten werde über alle Fernen der Erde, das «var in den Leiden sein Trost und seine Stärke und Stütze und Zuversicht. Und das ist und bleibt and) in der Gegenwart sein Trost und seine Hoffnung. Auch Israel hat geivacht in den Nächten! hat in den Zeiten, in denen eine unheilvolle Verfinsterung sich der Geister bemächtigte, in denen wirre Trübnis den Blick der Menschheit verdunkelte, das Licht der ewigen Wahrheit und der reinen Gotteserkenntnis genährt und gehütet. Israel hat in den Tagen, in denen der freie Gedanke verpönt war und die klare Anschauung gemieden wurde, mit unverdrossener Ausdauer und mit eifervoller Hingebung die Wacht des Geistes gehalten. Und so konnte es mitten in dem schwersten