Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Dienst vor Gott zu vollführen, und damit bezeugt sein, daß Israel keinen Augenblick ansteht, dem Rufe des Ewigen, der eine erhabene Bestimmung ihm ankündigt, zu folgen, daß es gerne jeglicher Verfinsterung, Erniedrigung und Geistesknechtschaft sich entziehen will. So war es von altersher vorgeschrieben, so spricht die Lehre Israels über die Feier dieses Festes sich aus, und so ist es mit ihr auch gehalten worden, so lange noch das Heiligtum des Einen Gottes den Berg Zions krönte und alljährlich ans allen Orten ihres Heimatlandes die Bewohner nach Jerusalem wanderten, um hier, in der Stadt, in der Israel als eine einige Glaubensgemeinde vor deni Herrn erscheinen sollte, den Tag festlich zu begehen, an dem einst zu ihrem Aufbau der Grund gelegt, für ihren Bestand der Boden geschaffen wurde. Zions Krone ist gefallen, in Trünimern liegt die Herrlichkeit Jerusalems, Palästina ist ein Besitz der Fremden geworden, Israel hat seine ehemalige Selbständigkeit verloren, und wir feiern nach wie vor das alte Freiheitsfest, die Zeit der Erlösung aus Druck und Knechtschaft, und wenn je Pesach, der Frühlingsbote, der Freiheitsherold Israels bei ihm wiedergekehrt war und das nächtliche Dunkel sich hindehnte über die weiten Erdengefilde, da erstralten seine Häuser von der lichten Festesweihe und der Vater erzählte es den Kindern: Einst waren wir Knechte des Pharao in Ägypten, und es hat der Ewige unser Gott uns frei gemacht mit starker Hand und siegreichem Beistände. Warum von altersher der Opferdienst am Abende, warum bis heute noch die Dankesfeier zu Nachtzeit? Warum unterscheidet sich Pesach darin von allen anderen Festen des Jahres, daß dem ersten Abende, mit dem es beginnt, eine erhöhte Weihe zugetheilt wird, und die eigentliche Feier, durch welche seine Bedeutung unseren« Geiste und unserem Herzen nahegelegt werden soll, in den Kreis des Hauses verlegt wird, in die Stille der Nacht? Darauf erwidert uns eine mahnende Stimme unserer Lehre: Gott wacht in der Nacht! Der Auszug Israels aus Ägypten ist ein deutliches, ewiges Zeugnis der göttlichen Gnade, die Licht schaffet in der Finsternis, die den dunklen Gelvalten des Bösen, welche den Geist des Rechtes und der Wahrheit zu unterdrücken suchen, einst ein Ende bereitet, wenn auch ihre Herrschaft noch so lange gewährt hätte. Und auch Israel soll wachen in den Nächten! soll die Wacht des höheren Geistes und der ewigen Wahrheit halten in Mitten der Menschheit, und das Licht der Gotteserkenntnis, an dem das Feuer der edlen Begeisterung für alles Gute und Erhabene sich entzündet, hinausstralen lassen in die weiten Völkerkreise, und wenn es Nacht werden will in der Geisteswelt und der trübe Wahn sich der Herzen bemächtigt und alle bessere Einsicht gebannt und gemieden wird, wenn die Geistesfinsternis sich auf den Gefilden der Menschheit von Neuem ausbreitet, und mit ihr die Schlaffheit und Trägheit sich entstellt, die alles Höhere verfallen läßt, die den Mächten der Lüge und des Wahnes kein Gegengelvicht zu bieten vermag, weil ihr das Leben fehlt, das Herz und der Geist, der ein höheres Streben in ihm erwecket — in Israel soll es licht bleiben, licht auch in den Nächten, in Israel jener regsame, wachsame Eifer vorwalten, der nicht ermüdet und erschlaffet, wo es gilt, den Schatz der ewigen Wahrheit zu hüten, daß er in seiner Echtheit sich erhalte und nicht gefälscht und mit wertlosen Blendwerken verwechselt werde, wo es gilt, die geistige Verfinsterung zu bannen, in der jeder hohe Gedanke erlischt, jedes edle Streben erlahmt, jeder heilsame Erfolg nntergeht. Gott wacht in der Nacht! Das ist die eine Lehre, die die Abendfeier des Pesachfestes uns verkünden >vill, und wachen soll auch Israel in den