Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-03-01 · Heft 3 (1.3.1882) · p. Seite 66

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 3 (1.3.1882)
Date
1882-03-01
Page
Seite 66 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2969669-2969684-2969688--0387-2970805
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 66 — wenden. Diesem Gesuche ward keine Beachtung geschenkt, und Mittwoch den 27. April fand der schreckliche Ausbruch statt. Ein religiöser Disput in einer Schenke führte zu einem Handgemenge, welches zu einem allgemeinen Kampf ausartete, bis der Pöbel Besitz von der Schenkstube nahm, und die vorhandenen Getränke raubte. Von dem so erhaltenen Trünke entflammt, begaben sich die Aufständler zu dem Jndenvierel und begannen eine systematische Zerstörung jüdischer Läden und Waarenlager. Anfangs wurden von den Juden Versuche gemacht, ihr Eigentum zu beschützen; das diente aber nur dazu, die Gewaltthätigkeit des Pöbels zu verstärken, welcher die Wohnungen der Juden angriff, und die Synagogen zu zertrümmern begann. Unter den nun folgenden Greueln verlor ein Jude Namens Zolotwenski sein Leben, und nicht weniger als dreißig Jüdinnen wurden beschimpft. An einer andern Stelle warfen sich zwei junge Mädchen aus Furcht vor Schändung ans den Fenstern. Inzwischen war das Militär herbeigezogen worden, aber nur um Anfangs als Zuschauer, dann als thütiger Teilnehmer zu wirken. Ein Teil des Pöbels, aus Aufständlern und Soldaten bestehend, brach in die Wohnung eines alten Mannes Namens Pelikoff ein und warf ihn, auf dessen Versuch, seine Tochter vor einem Schicksale, das schlimmer als Tod ist zu retten, vom Dache herab. Als er von dem Korrespondenten, der diese Thatsache erzählt, gesehen ward, befand sich Pelikoff im Zustande hoffnungslosen Wahnsinnes, und seine Tochter an Geist und Körper vollständig zerstört. Das ganze jüdische Viertel war bis zum 19. April der Gnade des Pöbels anheimgegeben. Während der zwei Tage des Aufstandes wurden 500 Häuser und 100 Läden zerstört, ganze Straßen dem Erdboden gleich gemacht. Hinzufügen wollen wir noch, daß das zerstörte und gestohlene Eigenthum auf 200,000 Rubel geschützt ward. Die bei diesen Vorfällen an's Licht getretene antijüdische Leidenschaft veranlaßte die Feinde der Juden zu größeren und systematischeren Angriffen. In den folgenden Exzessen wurden von den Massen professionirte Rädelsführer aus Großrußland bald erkannt. Diese verteilten Plakate, welche sich bald, als aus einer geheimen Druckerei zu Kiew hervvrgegangen, herausstellten, in welchen erklärt ward, daß der Czar seinen ortodoxen Untertanen das von den Juden besessene Vermögen gegeben habe. In den meisten Fällen war sogar der Tag, an welchem ein Aufruhr erwartet ward, vorhergesagt, indem Sonntage und Heiligentage als solche, an welchen die niederen Volksklassen frei waren, gewählt wurden. Nach einer Woche brach eine ganze Serie von Aufständen aus, anfangend am 7. Mai in Smielo bei Czergassy, wo 13 Männer gctödtet, 20 verwundet, 1600 ohne Obdach gelassen wurden. Am folgenden Tage, Sonntag 8. Mai brach ein sehr ernster Aufstand in Kiew, einst die Hauptstadt Rußlands, und noch jetzt eine wichtige, 20.000 Inden unter 140,000 Einwohnern enthaltende Stadt, aus; hier war der Aufstand bestimmt fiir den Samstag angekündigt worden, und die Juden sandten eine Deputation zum Gouverneur, ihn ersuchend, seine Soldaten, um Unruhe zu vermeiden, herzugeben. Er verweigerte in plumper Weise das Gesuch, indem er sagte, „er wolle seine Soldaten nicht um eines Packes Juden willen beunruhigen". Wahrend des am bestimuiten Tage ausgebrocheneu Ansbruches, spielten Polizei und Soldaten dieselbe Rolle wie zu Elisabethgrad. Die erste Prozedur des Pöbels war, die Schenkstuben zu stürmen, die Branutweinfüsser einzuschlagen, sich im Spiritus zu wälzen. Während der folgenden Willkürperiode wurden 4 Juden getödtet, 25 Frauen und Mädchen geschändet, von welchen fünf wie in den folgendeu gerichtlichen Untersuchungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.