Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1882)
- Date
- 1882-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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65 bilden bis jetzt blos das letzte Glied von einer Reihe ähnlicher Ausbrüche, welche den Süden und den Westen Rußlands in einer Ausdehnung verheeren, von welcher Völker, die außerhalb dieses Landes leben, keinen Begriff haben können. Die Nachrichten, welche die Grenze überschritten, waren blos dürftige Beschreibungen, in der Hauptsache nur Ankündigungen, welche in telegraphischer Form sagten, daß antijüdische Aufstände an einem oder dem anderen Platze vorgekommen seien. Da diese in verschiedenen Zwischenräumen kamen, verfehlten sie die Wirkung auf die Phantasie, und diesem Grunde allein ist es zuzuschreiben, daß die öffentliche Meinung in England, wo man gerne bereit ist, die Sache der leidenden Menschheit zu führen, ihren Gefühlen des Abscheues erst jetzt kräftigen Ausdruck gab. Während der letzten acht Monate ist ein Landesstrich, an Flächeninhalt den britischen Inseln und Frankreich zusammengenommen gleich, welcher sich von der Ostsee bis zum schwarzen Meere erstreckt, der Schauplatz von Greueln geworden, wie sie bis jetzt nur in Zeiten des Krieges verübt wurden. Unbarmherzig wurden Männer gemordet, zarte Kinder zu Tode zerschmettert, oder lebendig in ihrem Hause verbrannt, Frauen und Mädchen wurden geschändet und dies Alles durch Soldaten, welche die Wächter der Ordnung, der Ehre und des Lebens hätten sein sollen. Dieses waren die Thaten, welche die Bevölkerung Südrußlands seit vergangenem April befleckten. Angesichts dieser Thatsachen ist der Verlust an Vermögen nur von geringem Belange, aber sie waren begleitet von der völligen Nivellirung ganzer von Juden bewohnten Straßen, von dem systematischen Abbrennen jüdischer Stadtviertel in Westruß land, und von der Plünderung allen Eigentums, von welchem die Existenz tausender jüdischer Familien abhing. Zu allen diesen kommt noch, daß viele russische Städte herzlos die Gelegenheit ergriffen, aus ihren Grenzen Haufen von Juden zu vertreiben, welche durch solche unmenschliche und beabsichtigte Maßnahinen heimatlos unter gegen sie in Wut gebrachten Massen gelassen waren. Mit verschränkten Armen standen die Lokalautoritäten während dieser Szenen des Blutbades und der Plünderung, indem sie nichts thaten ihrem Ausbruch oder Wiederausbruch zu begegnen, und der unwissenden Landbevölkerung gestatteten, bis auf diesen Tag in dem Wahne zu bleiben, daß ein Ukas existire, welcher befehle, daß das Eigentum der Juden in die Hände ihrer Mitbürger übergehen müsse. Weit entfernt öffentliche Mißbilligung dieser Greuel auszudrücken, hat der Minister ein Edikt erlassen, welches klar beweist, daß die russischen Autoritäten vollständig das Vorurteil des Pöbels teilen, und die Lasten und Ungleichheiteil, welche die direkte Ursache der Verbitterung, welche zu solchen Unordnungen führte, sind, zu vermehren suchen. Beständig war, seitdem die deutschen Anti-Semiten ihr Geschrei gegen ihre jüdischen Mitbürger erhoben, die Befürchtung vorhanden, daß die Bewegung sich nach Rußland verbreiten und dort eine niehr dem uncivilisirten Zustande jenes Landes angemessene Form annehmen könne. Als demnach die am 3. März v. I. erfolgte Ermordung des Czaren aller Russen die Aufregung im höchsten Grade steigerte, ward es zuversichtlich vorausgesagt, daß die kommenden Ostern einen Ausbruch gegen die Juden sehen lvürden. Man sagte späterhin, daß die Erftillung dieser Vorhersage durch panslavistische Agenten von Moskau aus beschleunigt ward, welche alle folgenden Unruhen im Plan entwarfen. Mindestens ist es gewiß, daß die Gerüchte eines Aufstandes Elisabethgrad erreichten, und die Vorsteher der jüdischen Gemeinde, die einen Drittteil der 30,000 Einwohner bildet, veranlaßten, sich um besonderen Schutz 'an den Gouverneur zu 6