Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1882)
- Date
- 1882-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 L Abstammung. Die primitivste Ursache zur Belebung eines kräftigen nationalen Sinnes, gleichsam der allererste Keimkern, aus welchem im Laufe der Jahrhunderte der Lebensbaum einer kraftbewußten Nationalität enipor wächst, ist unstreitig in jener sagenhaft-dunkeln Tradition zu suchen, die ein Volk über seine besondere Abstammung festhält und andern Nationen gegenüber stets mit einem gewissen herechtigten Stolze geltend machen darf. — Wenn wir nun die verschiedenartigen Mythen über die Genesis der arischen und der meisten semitischen Volksstämme untersuchen, so werden wir finden, daß sie fast alle die Tendenz verfolgen, den Racenunterschied sowohl, wie auch die Verschiedenheit der Gefühls- und Geistesrichtung einer Nation nicht als blose Folge der äußern klimatischen Einwirkungen und der unzähligen Mischungen zu betrachten, sondern für eine naturnotwendige Consequenz ihres Ursprunges von einem besonderen Menschen- oder bar Götterpaare zu erklären; weshalb denn auch die Erkenntniß der Menschenbleichheit, die für das rechtliche und friedliche Zusammenleben der Völker eine „conditio sine qua non“ ist, bei den meisten Nationen des Altertums nicht ganz zum Durchbruche kommen konnte. — Denn aus dieser mytischen Vorstellung entwickelte sich späterhin, nachdem die einzelnen rohen und wirren Volksmassen sich zu social-politisch organisirten Nationalitäten emporgearbeitet hatten, also nachdem sie zum Bewußtsein ihrer ureignen materiellen und geistigen Schaffungskraft gelangt waren, jener oft bis zur Heroenvergötterung gesteigerte nationale Cultus, der zwischen Volk und Volk eine bei weitem größere Scheidewand errichtete, denn der religiöse Cultus, welcher in der heidnischen Menschenwelt überhaupt keinen charakteristisch-scharfen Gegensatz markiren konnte, weil es ja den Bekennern des Polytheismus am Ende ganz bleichgültig war, ob ihre anbetende Verehrung sich auf einen engeren oder weiteren Götterkreis erstrecke. — Das stolze Bewußsein des Unterschieds, z B., in welchem die Hellenen den andern Völkern gegenüber traten, wurzelte nicht etwa in einem religiösen Vorzug, dessen nur sie allein sich zu rühmen vermochten, sondern ausschlieslich in der durch uralte überlieferte Sagen erweckten und genährten Überzeugung von ihrer edleren Racenabstammung und von ihrem ererbten Genie für die Begründung eines freien Volksstaates gegenüber den verknöcherten Despotien des Morgenlandes. Sie verherrlichten daher auch ihre Urahnen, einen Herakles, Theseus, Kadmos, nicht als Glaubensheroen, denen sie ihre religiösen Ansichten und Ceremonien zu danken haben, sondern als übermenschlich starke volkstümlichpolitische Heldengestalten, welche durch Bewältigung der regellosen Naturkräfte den Boden ihres' Landes für eine vernünftige staatlich-nationale Lebensordnung vorbereitet, oder auch die von ihnen gegründeten Städte mit allen Künsten des Kriegs und Friedens ausgestattet haben..,— Eine völlig entgegengesetzte Anschauungsweise mußte die urgeschichtliche Überlieferung im Geiste des semitischjüdischen Volksstammes bewirken und für immer befestigen. — Die ihm tradirte Schöpfungs urkunde nämlich, welche die ersten Blätter seines heiligsten Religionsbnches ausfüllt, ver bot ihm geradezu die physische und intelleetuelle Verschiedenheit des hebräischen Volkstums auf einen gänzlich aparten Ursprung zurück zu führen, weil dem Centralgedanken der mosaischen Lehre gemäß alle Menschenracen nur von einem einzigen gottähnlichen Menschenpaare abstammen; die eigentümliche physische und geistige Individualität der Menschenstämme demnach, die sich teils in rohern, theils in edlern Lebensformen manifestirt, nicht