Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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32 mehr giebt. Es ist das sehr zu beklage»; denn die Veranlassungen dieser Vielheit sind von derselben unedlen Natur, wie bei uns. Uneinigkeit in den Gemeinden, Ehrgeiz der Gemeindemitglieder, die lieber in einer kleinen Gemeinde die Ersten, als in einer Großen die Untergeordneten sein wollen. Weder Sitzplätze noch Stehpulte giebt es dort in einer Synagoge. Nur der Vorbeter hat ein Pult mit der Richtung zur heiligen Lade. Diese befindet sich aber nicht wie bei uns an der Ostseite, sondern an der Nordseite, da Arabien südlich von Palästina liegt, folglich die Richtung beini Gebete nördlich zu nehmen ist. Das Pult zum Vorlesen der Thora ist so gestellt, daß der Vorlesende das Gesicht der Gemeinde zugekehrt hat, was jedenfalls richtiger ist als ihr den Rücken zuzuwenden. Matten sind in der ganzen Synagoge ausgebreitet. Vornehme bringen sich auch noch Teppiche mit; denn bei den Teilen der Liturgie, bei welchen man nicht stehen muß, sitzt man, mit untergekreuzten Beinen auf den Boden, oder liegt auch ganz ausgestreckt. Es wird nur laut gebetet. Die obligatorischen Gebete spricht der Vorbeter laut vor und die Gemeinde hört zu oder spricht leise nach. Eine Wiederholung des 18er und 7er Gebetes kennt man gar nicht. Die fakultativen Gebetstücke, Psalnien und andere Bibelstücke werden responsirend gesprochen, wobei nur selten der angestellte Vorbeter amtirt. Einen bestallten Vorleser der Thora giebt es dort gar nicht. Jeder zur Thora Gerufene muß seinen Abschnitt selber vorlesen. Dagegen giebt es einen bestallten Uebersetzer, der jedoch noch nicht gesetzespflichtig, also nicht dreizehn Jahre alt sein darf. Die Vorlesung geschieht nämlich dort so, daß der Vorleser aus der Thora einen Vers hebräisch, dann der Uebersetzer diesen Vers arabisch und zwar auswendig sprechen muß. Diese Uebersetzung ist jedoch keinesweges eine frei gelassene, sondern eine traditionell feststehende, die vorher auswendig gelernt werden muß. Manche wollten behaupten, ihre arabische Uebersetzung sei die des Saadjah Gaon, wovon in Europa nur wenige Fragmente bekannt sind. Jakob Saphir bezweifelt die Echtheit. Es ist jedenfalls zu bedauern, daß er kein Exemplar mitgebracht hat. Die Haftarah wird in derselben Weise vorgetragen. Anschließend an den öffentlichen Gottesdienst werden auch Stiicke aus der Mischnah, aus dem Maimonidischen Mischne Thorah und aus dem Sohar laut vorgetragen. Hierbei liegt das geschriebene Buch auf einem niedrigen Tischchen, um welches je acht Personen im Kreise herum liegen und in dasselbe hineinsehen. Sie sind nämlich im Lesen sehr geübt, daß sie seitwärts und von oben nach unten und ebensogut wie von unten nach oben lesen können. Ein solcher Gottesdienst dauert trotz der großen Geschwindigkeit beini Vortrage doch sehr lange, am Sabbath von Sonnenaufgang bis gegen Mittag. Sie können es aber recht gut aushalten; denn sie haben ihre Kaffeeflaschen stets zur Hand und bringen sie von Zeit zu Zeit an den Mund. Außerdem aber verlassen abwechselnd einzelne Partieen, vor dem Ausheben der Thora, die Synagoge und nehmen eine Eollation, welche die Frauen bereit halten. An Wochentagen versammelt man sich immer vor Sonnenaufgang zur Erledigung der fakultativen Liturgie; denn mit Sonnenaufgang muß das Schema gelesen werden und dann geht jeder an sein Geschäft. Bei der vorherrschenden Gefühlsinnigkeit der Orientalen ist der Gottesdienst ein tief bewegter und bewegender. Die Klagen sind so herzzerreißend, das Weinen so erschütternd, daß ein europäisches Gemüt es kaum auszuhalten vermag, freilich durch Gewohnheit wird man auch dagegen abgestumpft. Wie überall, so macht auch hier die Sitte sich selbst gegen das Gesetz