Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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19 gleich käme. In mehr oder niinderem Gleichklang, mehr oder minder drastisch schreiben sie folgendermaßen: Für den Anfang muß es gelingen, daß die gesetzliche Möglichkeit der Eheschließung zwischen Christen und Juden überhaupt geschaffen ist. Jedenfalls wird eine der Schranken niedergerissen, welche Confession von Confession trennen und die Vereinigung gesellschaftlicher Schichten in diesem Lande, dem der Amalgamirungs-Prozeß geradezu Lebensbedürfnis ist, hintangehalten haben. Wenn auch nicht das Gesetz und der Akt der Civiltra'uung selbst, so wird doch das praktische Beispiel Propaganda niachen für die Wahrheit, daß die Verschiedenheit der Religion kein Hindernis ist gegen das Glück und die Reinheit des Familienlebens, und die Begründung auch nur einer einzigen auf inniger Wahl aufgebauten Familie, in welcher sittliches und materielles Gedeihen waltet, wird hundertfach kräftiger Zeugnis geben für die Ideen der Gleichheit und Zusammengehörigkeit zwischen Bürger und Bürger, Confession und Confession, Stamm und Stamm des Vaterlandes, als alle geschriebenen Gesetze. Wie viel wir daher auch gegen diese Nothcivilehe einzuwenden haben, wir acceptiren durch die heute eingebrachte Vorlage mit einiger Genugthuung, denn wir halten an dem Glauben fest, daß, sobald nur freier Raum zur' Entfaltung gegeben ist, die gesellschaftliche Rothwendigkeit sowohl, als der nüchterne Sinn unseres Volkes das Uebrige thun werden, um den Einigungsprozeß zu vollenden. Und so haben wir den Wunsch, der Entlvurf möge auch bald zum Gesetze werden und alsdann sich als segensreich bethätigen für die ungarische Gesellschaft, welche dadurch ein neues Moment der Asimilirungsfähigkeit gewinnt; denn wahrlich der gesellschaftliche und wirthschaftliche Umgestaltungsprozeß, worin Ungarn jetzt begriffen ist, macht es zu eineni dringenden Gebot, daß die letzten Scheidewände fallen, welche das Jneinanderfluthen der Elemente verhindern. Bei dieser Gesetzesvorlage und den Hoffnungen, die man auf dieselbe setzt, sollte man meinen, sei die gesellschaftliche Luft frei von allen antisemitischen Miasmen und könne auf dem ungarischen Boden kein Atom judenfeindlicher Agitation keimen und fruchten; und doch richtet das leitende Blatt Ungarns betreffs der Judenfra^e eine Apostrophe an die Regierung, die dieser Annahnie widerspricht, und die auch, wie eingetretene Thatsachen beweisen, gerechtfertigt war. Die Vorgänge in Rußland bereiteten diesem liberalen Blatte Sorge und es erging sich darüber in folgenden Betrachtungen: Währ:nd in England Presse, Vereine, Parlament und ' Regierung den Judenhetzen in Rußland die höchste Aufmerksamkeit zuwenden, betrachtet man bei uns in Ungarn die ganze Angelegenheit als ob sie irgendwo auf einer Insel im stillen Ozean oder im Herzen des dunkeln Weltteiles spielte. Wir haben nicht nur Einwanderung von aller Subsistensmittel entblößter Flüchtlinge zu befürchten, sondern, was noch wichtiger ist, die Einschleppung der moralischen Pest, welche von Rußland aus über Galizien unsere nördlichen Comitate zu überziehen droht. Wenn wir von der thörichten Sache sprechen, die inan mit einem thörichten Worte „Antisemitismus" genannt hat, werden unsere Leser uns das Zeugnis nicht versagen, daß wir allezeit die Bedeutung des Gegenstandes eher abzuschwächen, als zu steigern suchten und von dieser abscheulichen Zeitkrankheit so wenig wie möglich sprachen. Heute müssen wir uns mit dieser Frage abgeben, weil uns Berichte zukommen, welche ein weiteres Schweigen sträflich erscheinen lassen würden. Ausdrücklich bemerken wollen wir, daß unsere Informationen nicht von jüdischer Seite stammen, sondern von Personen, die an dem Schicksal der Juden absolut nicht betheiligt sind. — 2*