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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-01-01 · Heft 1 (1.1.1882) · p. Seite 17

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 1 (1.1.1882)
Date
1882-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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17 Semilisches und Antisemitisches aus Hsterreich-Mngarn! i. Man kann heute nichts mehr über das Judentum schreiben oder Mitteilen, ohne daß man der überschriftlichen Worte entraten konnte und ohne daß sie als „springende Punkte" von selbst hervorträten. Ja man muß geradezu jede Mitteilung in den Bereich eines dieser neugeschaffenen Begriffe stellen, obgleich es auch wahr ist, daß in unserer Zeit auch Handlungen und Ereignisse sich vollziehen, bei denen es im Zweifel steht, wohin man sie rubriciren, ob mau sie der Semitenfreundlichkeit oder der Semitenfeindlichkeit zu Gute schreiben soll. Denn wie es in der Natur falsche Sonnenstrahlen gibt, Strahlen, die dem Menschen keine Wärme bringen und trotz deren Einwirkung man gut frieren kann, — es ist das die Wintersonne — so haben wir auch in unseren Tagen Geschehnisse, Thatsachen, gesetzliche Verordnungen, Anträge, Beschlüsse zu verzeichnen, die wohl den Anschein haben als wollten sie Wärme, Menschenliebe, Semitenfreundlichkeit ausstrahlen, aber gründlicher betrachtet, nur ein lauer Mundeshauch sind, wobei das Herz von Eis umpanzert bleibt, also den Schluß zulassen, daß sich etwas Falsches und Listiges hinter der freundlich scheinenden Thal birgt, die im Grunde mehr zum Schaden als zum Nutzen des Semitismus, d. h. des Judentums führen soll. Sie selbst dürften in ihrem eigenen Lande Beweise genug haben, daß es solche halbsemitische, halb antisemitische Naturen gibt, nach deren Reden und Thaten man nicht sofort schließen kann, zu welcher Firma sie sich bekennen, und ich glaube dem Reichskanzler Bismarck mit seinen orakelhaften Depeschen an antisemitische Versammlungen kein Unrecht zu thun, wenn ich ihn zu diesen zweifelhaften Naturen zähle, obwohl inan im deutschen Reiche, wie ich mich bei meinem jüngsten Aufenthalte daselbst zu überzeugen Gelegenheit hatte, nicht so gelinde über ihn denkt und nahezu eine Einstimmigkeit darüber herrscht, weß Sinnes der „eiserne Mann" sei. Auch bei uns in Österreich-Ungarn kommt solches vor, wenn auch nicht von Regierungswegen, und wenn es auch dem Scheine nach einen bestimmten Stempel, wohl- oder übelwollend, an sich trägt. — Nach dieser Einleitung kann ich zur Registrirnng der semitischen und antisemitischen Vorgänge iu Österreich-Ungarn schreiten, mit deren Berichterstattung ich _ seit meinem Referate im Monat Mürz zurückgeblieben bin, um das ganze verschiedenartige Material zusammenzufasseu und zu einem Kaleidoskop zu machen, auf dessen zwei Spiegelgläsern der Leser selbst die Formen Freund oder Feind, Semitisch oder Antisemitisch herausfinden mag. — Ich halte die Reihenfolge der Ereignisse und die Priorität der Landesmannschaft fest und beginne mit Ungarn. — Das hervorragendste Moment, welches das ungarische Judentum berührt, ist der von unserer Regierung eingebrachte Gesetzentwurf über die Eheschließung zwischen Christen und Juden. In Ungarn herrscht Religionsfreiheit de facto aber nicht de jure. Es wird hier kein Jude in seinem Gewissen gekränkt oder in seinen Handlungen beschränkt; die Religion ist kein absolutes Hindernis für ihn, um staatliche Äemter und Stellungen zu erhalten, und doch ist die Religionsfreiheit nicht gesetzlich deeretirt und noch weniger die Details derselben unanfechtbar eodificirt. Es heißt zwar im XVIl. Gesetzartikel vom Jahre 1867 betreffend die Gleichberechtigung der Israeliten: „Die israelitischen Bewohner des Landes werden zur Ausübung aller bürgerlichen und politischen Rechte mit den christlichen Belvvhnern für gleichmäßig berechtigt erkürt. Jedes Gesetz, jeder 9

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