Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 R. Jesaias sich unter keiner Bedingung herbeilassen wollte, herannahete, hielt der Vorsteher folgende Ansprache an den großen Rabbi: Rabbi, du hast uns mit deinem Besuche beglückt, warst so freundlich mehrere Tage in unserm Hause zu weilen, und nun willst du jetzt Abschied nehmen, ohne meine Zimmer, Gemächer und Reichtümer besichtigt zu haben? Verweile daher nur noch einige Stunden in unserer Mitte, um dich überzeugen zu können, wie Gott der Herr inich mit allem Guten gesegnet hat. Der Rabbi fühlte sich veranlaßt, dem Parnes auch diese Bitte zu gewähren. Sie gingen also beide, der Rabbi und der Vorsteher, von einem Gemach in das andere, bei welcher Gelegenheit R. Jesaias seine Verwunderung über die großen Schätze, die er da gesehen, entschiedenen Ausdruck zu verleihen nicht umhin konnte. Endlich kainen sie in das letzte Zimmer. Hier schloß der Vorsteher die Thür rückwärts ab. Rabbi Jesaias stand ganz frappirt ob der sonderbaren Ausstattung des Zimmerchens. Ein Schreibtisch, versehen mit den nötigen Schreibrequisiteu, und ein großes Schlachtmesser, das an der Wand hing, bildeten das Möbel dieses Zimmers. Der Vorsteher zögerte nicht lange, nahm das Messer in die Hand und sprach: Hier, Rabbi, sollst du sterben, denn es hat bereits deine letzte Stunde geschlagen. Du wirst es daher auch begreiflich finden, warum dieses Zimmer hier so höchst sonderbar möblirt wurde. Schreibe daher dein Testament, und schließe deine Rechnung mit dein Himmel ab. R. Jesaias glaubte Anfangs, daß der Vorsteher sich irgend einen Scherz erlaube oder nicht bei Sinnen sei. Scherz bei Seite, es ist mein völliger Ernst. Es muß geschieden sein! rief A. in einem malitiösen Tone alls. Als nun der fromme Rabbi sah, daß er hier sterben müsse, so ersuchte er seinen nunmehr vermeinten Würgengel ihm wenigstens Zeit zn gönnen, um das Sündengeständniß, „Widüi“ ab legen zu können. Dies soll dir gestattet sein, entgegnete A. R. Jesaias sprach in herzzerreißender Weise die üblichen Gebete und als er dieselben beendigte, näherte sich ihm A., indem er die neben seinen Ohren herabhängenden Locken emporhob und sprach: Frommer Rabbi: richte deinen Blick auf dieses Ohr, das mir in Folge deiner vor vielen Jahren gemachten Anzeige auf Befehl der strengen Justizbehörde abgeschnitten wurde. Ich bin dein Diener A. Nicht um dich zn kränken, habe ich dir diese Schreckensstnnde bereitet, sondern einzig und allein aus dem Grunde, damit du diese einzige Sünde, die du im Leben begangen, abbüßest um sündenfrei den geheiligten Boden Palästinas betreten zn können. R. Jesaias dankte für diese wohlwollende Absicht seines ehemaligen Dieners und reiste vergnügt nach Jerusalem, wo er von der deutschen Gemeinde zum Rabbiner ernannt wurde. Allein bald nach seiner Ankunft wurde er nebst anderen Gelehrten auf Befehl des Pascha in den Kerker geworfen, um ein bedeutendes Lösegeld erpressen zu können. Bald nach der Befreiung aus dem Gefängnis verließ er Jerusalem und übersiedelte nach dem gering bevölkerten Tiberias, wo er 1624 sein umfangreiches Werk „Schnell Luchot haberit“ vollendete. Dieses Werk enthält Sittenlehren und Vorschriften über religiöse Bräuche. Er spricht sich in demselben gegen die Pilpulisten ans und empfiehlt S. 181 die Jugend zuvörderst in der Bibel zu unterrichten, damit sie, bevor der Talmudnnterricht beginnt, gründliche Kenntnis der Bibel besitze. Im Jahre 1630 hat er das Zeitliche gesegnet. Sein Sohn R. Scheftel bekleidete ebenfalls die bedeutendsten Rabbinate Deutschlands und verschied im Monate Nissan 1660 in Wien, wo er mehrere Jahre als Rabbiner segensreich gewirkt hatte. Ein zweiter Sohn R. Jesaia's, Namens R. Jakob Hurwitz, war Rabbinatsassessvr in Krakau, und sein Schwiegersohn R. Ehaim Feibel fnngirte als Rabbiner in Bunzlau.