Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-01-01 · Heft 1 (1.1.1882) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 1 (1.1.1882)
Date
1882-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969684-2969686--0325-2970741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 Ein anderer Grund der Stabilität liegt darin, daß die Bildung eines großen, die Hegemonie übernehmenden Staates in diesem Lande bis jetzt nicht hat gelingen wollen. Das Land hat Eroberer ausgeschickt, die in andern, fernen Ländern mächtige Staaten gründeten, es selbst ist öfters von Nord, von Ost und West her teilweise erobert worden, aber kein Staat von einigem Umfang hat auf längere Dauer sich dort halten können. Ein Gewimmel von Volksstämmen tummelt sich auf diesem wechselvollen Boden und bildet Hunderte von kleinen Staaten mit Häuptlingen, die alle möglichen Titel, wie König, Sultan, Imam, Scheik, Scherif u. a. sichren und beständig im Kriegszustände gegen einander stehen. Dazu treibt sie oft die Not, die dadurch entsteht, daß in nicht vorher zu berechnenden Perioden, bald hier, bald dort, der Regen entweder gänzlich ausbleibt, oder in Alles verheerender Menge niederströmt, und eine eben noch sehr fruchtbare Gegend plötzlich in eine Wüste verwandelt. Um nicht Hungers zu sterben, müssen die so Heimgesuchten eine glücklichere Landschaft, die aber schon ihren Herrn hat, zu erobern suchen. Daher unaufhörlicher Kampf und Regentenwechsel in den oft nur wenige Quadrat- Meilen umfassenden Gebieten. Es giebt aber auch Distrikte, nicht kleiner als manches deutsche Fürstentum, in denen die Karrikatur unsres Geschlechtes, der Affe, eine unbestrittene Herrschaft behauptet. Die Einwohner wagen es nicht, in das Reich der Vierhänder, die sie für gottverfluchte Menschen halten, einzudringen, sondern umgehen es vorsichtig. Die Religion, obwohl sie eine gemeinschaftliche für den allergrößten Theil der Landesbewohner ist, der Islam war bisher nicht im Stande, einen dauernden Frieden unter seinen Bekennern herzustellen. Es hat das wohl hauptsächlich darin seinen Grund, daß die am meisten gepflegten Religionsbegriffe mehr darauf angelegt sind, die Vereinigung der Menschen in« Himmel, als ihre Einigkeit auf Erden zu bewirken, daher auch das so stark ausgeprägte Sektenwesen. Wir erfahren dies übrigens auch von anderen Religionen. In der Person des Padischah von Konstantinopel ist zwar äußerlich die Einheit aller Moslemen dargestellt. Er führt den Titel Haupt der Gläubigen, Kalif d. h. Stellvertreter Mohameds und es ist ihm politisch die Oberherrschaft über Arabien, als Schirmherrn der heiligen Stätten, zuerkannt. Aber die ganze Oberherrlichkeit kommt nicht über den Titel hinaus, sein Heer wird nicht um einen Mann, sein Staatsschatz nicht um einen Piaster aus Arabien verstärkt. Im Gegentheil entziehen die alljährlichen Wallfahrten nach den heiligen Städten, Mekka und Medinah ihm viele Tausende seiner Leute und viele Millionen seiner Einkünfte. Dem Gesetze nach sollten die Jmame dem Kalifen, wie die Bischöfe dem Papste unterstehen, sollten die an den heiligen Stätten gesammelten Opfer und Spenden an ihn abführen. Aber von diesem Gesetze kommt so gut wie Nichts zur Ausführung. Die Kalifen haben es von je her nicht io gut verstanden ihre Jmame in Botmäßigkeit zu erhalten, wie die Päpste ihre Bischöfe. Der Einfluß eines mächtigen, geordneten Staates auf die vielen kleinen Landesherren ist so gut wie nicht vorhanden. Seit dem ersten Viertel unsres Jahrhunderts hat der nach Selbstständigkeit ringende Vieekönig von Egypten den Versuch gemacht, seine Oberhoheit in Arabien geltend zu machen. Die Truppen Ibrahim Paschahs hielten mehrere Jahre hindurch sogar Mekka und Medinah besetzt; allein er mußte den Besitz aufgeben, und es blieben von seinem Eroberungszuge nur die schlimmen Folgen zurück, so namentlich, daß der Haupthafen am rothen Meere, der erste Absatzplatz der arabischen Produkte an die europäischen Kaufleute übergegangen, daß Mekka zerstört liegt und sein Handel nach Chadidja und Aden sich verzogen hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.