Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1882)
- Date
- 1882-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Wohl sind diese Erscheinungen kein spezifisches Charakteristikum des Judentums. Allein was hilft es uns, wenn wir dieselben Schäden und Gebrechen auch anderswo Nachweisen können? Es ist wahr, daß heutzutage in allen Kreisen übergenug gelernt wird, und die Ausbildung des Geistes könnte kaum eine ernstlichere Handhabung erfahren. Aber der Krebs roher Stofflichkeit und des gemeinen Materialismus nagt an dem Marke unserer Zeit, ihr fehlt das begeisternde Verständnis für die Vorbilder, die Kraft, den lichten Höhen, den erhabenen Idealen, dem Unendlichen näher zu kommen. Was nicht praktischen Zweck, wirkliche Bedeutung und Verwendung hat, ist ihr schwächliche Schwärmerei, und was man nicht versteht, wird einfach verhöhnt und verfolgt, und was man nicht mit den Händen greifen und mit den Augen sehen kann, wird in das Reich der Sage verwiesen. Trotz der hohen Bildungsstufe, die unsere Zeit erreicht hat, stecken wir in dem genieinsten Bilderdienst, in dem geistlosesten Formenwesen, in dem größten Mechanismus. Was hilft es, nur die Formen im Auge behalten, nur für den äußern Aufputz sorgen, ohne an das innere Leben, cm den ihnen zu Grunde liegenden Geist zu denken? Was einem Geiste Leben und Richtung gibt, muß selbst Geist sein. Wo aber äußere Formen und Vorschriften nur aufs Co mm an do wort erfüllt werden, wo Form ohne Geist ist, da kann natürlich von wirklicher Religiösität, von wahrhafter Frömmigkeit keine Rede sein, da herrscht ein materieller Körper ohne Seele, da ist Materiales und nichts Ideales, da ist nur Stoff aber keine Idee. Mag nun eine solche geistlose Form die Gestalt einer Bildsäule, eines gefliigelten Seraphs, eines feuersprühenden Cherubs oder eines Kalbes haben, oder mag sie sich blos durch gedankenlose Hantirungen äußern, immer bleibt es nur eine Form, die jedem profanen Bilderdienst mehr oder weniger gleichkömmt. Formen und Normen sind ja Naturnothwendigkeit, denn das geistige kann sich auf Erden nur sinnlich äußern — aber die Form ohne Inhalt, ohne Geist hat keinen Wert. Das ist der große Gedanke, den das Judentum als Fundament unseres religiösen Lebens anfstellt. Das Judentum ist der lebendigste Protest gegen das Aeußerlichkeitswesen, gegen den formalen Gottesdienst. Schon die Strenge, mit welcher der Pentateuch das Bilderwesen perhorrescirt, wirft ein Helles Licht über das Verhältnis der jüdischen Religionsidee zur äußerlichen Werkheiligkeit. Aber noch deutlicher und konsequenter tritt diese erhabene Auffassung der reinen Idee des Judentums bei den Profeten hervor, die auf innere, von Werkheiligkeit freie Frömmigkeit und gute Werke mehr Gewicht legen als auf Verehrung Gottes durch Opfer und äußerlichen Dienst. Wo sie das Volk dem Opferwesen ergeben sehen — welches das Observanzentum jener Zeit repräsentirte —da kämpfen sie mit der ganzen Schärfe ihres Wortes gegen diesen Mißbrauch, da suchen sie ihn mit den schärfsten Ausdrücken in seiner Niedrigkeit zu bezeichnen. „Wozu mir", ruft der Profet Jesajas aus, „die Fülle eurer Opfer, spricht der Herr, ich bin übersatt der Brandopfer von Widdern, des Fettes der Gemästeten, begehre nicht Blut der Stiere, Lämmer und Böcke. Bringet nicht mehr heuchlerische Speiseopfer; Räucherwerk ist mir ein Gräuel; Neumond und Feiertag, nicht mag ich Frevel und Fest. Eure Monde und Feste hasset meine Seele, sie wurden mir zur Last, ich bin milde es zu tragen. Und so ihr ansbreitet euere Hände, lvende ich meine Augen weg von eilch, auch so ihr Gebet mehret, höre ich nicht: eure Hände sind voll Blutes. Waschet euch, reinigt euch, schaffet das Böse eurer Werke aus meinen Augen hinweg, höret auf zu freveln. Lernet gut thun, suchet