Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-12-01 · Heft 12 (1.12.1881) · p. Seite 295

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 12 (1.12.1881)
Date
1881-12-01
Page
Seite 295 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969670-2969683--0312-2970722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

295 Maimuni maß die Nebenbuhler mit einen, Blicke der tiefsten Verachtung und sah genau den Mann an, damit keine Verwechselung geschehen könne. „Glaubst du, wir werden dir einen anderen Menschen unterschieben, daß du sv mißtrauisch den Mann von allen Seiten betrachtest?" fragten die Aerzte. „Wenn ich jetzt sagen wollte, was ich glaube, wurde ich die Ehrfurcht vor unserem Herrscher verletzen," entgegnete Maimuni scharf. . Es verliefen einige Wochen, die Aerzte erschienen mit dem geheilten Manne am Hofe und der Sultan ließ Maimuni herbeiholen „Diesmal hat deine Wissenschaft dich im Stiche gelassen, Maimuni. Auch der große Homer," begütigte er ihn, „schläft zuweilen. Da ist der Mann, er sieht so gut wie du." Der Sultan ließ herauf säimntliche Anwesende kurz vor der Abenddämmerung in ein halbdunkles Ziinnier führen. Maimuni betrachtete den Mann und sagte: „Ganz recht, es ist derselbe. Füllt jetzt zum ersten Male die Binde von deinen Augen?" frug er mit angenommener Ruhe den Geheilten. „Zum ersten Male, o Herr!" „Kannst du die Binde sehen? Von welcher Farbe ist sie?" „Ich kann sie ziemlich deutlich sehen, sie ist weiß." „Kannst du jetzt schmerzlos das strahlende Sonnenlicht ertragen?" forschte Maimuni weiter. „Ich sehe keine Sonne, wir befinden uns ja im Zwielicht." „Siehst du genau den hansirenden Krämer dort, vielleicht gar die Farben seiner Maaren?" „Alles auf das Deutlichste, die Turbane in der Hand sind roth, die Schleier schwarz, auch blaues Tuch liegt auf seinem Kasten." „Wahrhaftig! Ich bin ein Opfer der niedrigsten Jntrigue deiner Aerzte," rief Maimuni laut, „und der sträflichsten Verstellung dieses Betrügers, der vorgab, blindgeboren zu sein. Sie haben deine Person, allergnädigster Herrscher, zu einem schändlichen Gaukelspiel mißbraucht. Zwielicht, weiß, roth, blau, schwarz! Wie kann ein Blindgeborener solche Begriffe haben? Unmöglich! Wie kann er den Unterschied der Farben begreifen? sie so deutlich unterscheiden und benennen? Nimmermehr!" > Der Sultan hatte den berühmtesten Arzt jener Zeit, Abdellatif aus Bagdad, der gerade in Kahira anwesend war, dazu eingeladen und dieser beobachtete den Vorgang von dem anstoßenden Zimmer aus, ohne von den Uebrigen gesehen zu tverden. In dem Momente, als Maimuni leidenschaftlich erregt sprach, gmg die Thür auf und der gefeierte Abdellatif wurde den Anwesenden vvrgestellt. „Laß uns deine Meinung Horen, Abdellatif," sprach der Sultan; „dein Urtheil soll entscheiden." „Großer Sultan, ich bin aus Neugierde getrieben worden, deine Residenz aufzusuchen. Unter Anderem sehnte ich mich, Musa, Sohn Maimuns, dessen Name bis zu uns gedrungen, kenne» zu lernen. Ich bin durchaus nicht von vorn herein für ihn eingenommen, vielmehr halte ich das philosophische Buch, welches er jüngst für die Juden geschrieben, für ein verderbliches Werk, das geeignet ist, die Grundsäulen der Religion zu erschüttern, gerade durch die Mittel welche bestimmt scheinen, sie zu befestigen. Aberdas steht in der Heilkunde fest: Ein Blindgeborener kennt den Unterschied der Farben nicht." — — Solche Sagen und Geschichten liefen über Leben und Wirken des Maiinonides zahlreich um, welche beweisen, wie gewaltig der Zauber seiner Persönlichkeit auf Mit- und Nachwelt eingewirkt hatte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.