Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1881)
- Date
- 1881-12-01
- Page
- Seite 294 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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394 und heiratete sie. Diese gebar ihm jenen Moses und starb bald nach der Geburt. Der Knabe aber war sehr blöde, alle Mühe, die der Pater sich gab, ihn zu unterrichten, war vergeblich. Der Pater schritt nun zur zweiten Ehe mit einer ihin ebenbürtigen Frau, welche ihm mehrere Kinder gebar. Diese und ihre Kinder, stolz auf ihre edlere Abkunft, blickten verächtlich ans den stumpfsinnigen Knaben, schimpften ihn einen Fleischjnngen und verleumdeten ihn so sehr beim Pater, daß er ihn aus dem Hause schickte. In der lieblosen Fremde planlos umherirrend, vom Vater verstoßen, aller Mittel entblößt, war er der Verzweiflung nahe, als er zur Zeit des Abendgebetes vor einer Synagoge vorbeikam. Er ging hinein, betete inbrünstig und schlief daselbst müde und hungrig ein. Als der Morgen graute, erwachte er und war plötzlich ganz umgewandelt. Seine Blödigkeit war geschwunden, und heißer Wissensdrang zog in sein Inneres ein. Lehre und Erkenntnis war fortan sein Losungswort. Eilends ging er nach Lueena und ließ sich unter die Jünger des weltberühmten Meisters M i g e s ch aufnehmen, die er sämmtlich in kurzer Zeit überflügelte. Nach einem längeren Aufenthalte daselbst kehrte er in seine Heimat zurück, wo man seiner vergessen zu haben schien. Dem unbekannten, reisenden Rabbi nnirde indeß gestattet, in der Synagoge einen talmudischen Portrag zu halten und die Gelehrten in Cordova bewunderten nun den Scharfsinn und die Schlagfertigkeit des jungen Mannes. Mit Staunen und Freude sahen selbst die Aeltesten, mit welcher Sicherheit er auf dem weiten Meere des Talmud dahinfnhr und alle ihre Eimvürse widerlegte. Wie erzitterte aber das Herz des alten Maimu», als er in dem Sprechenden mehr und mehr seinen verschollenen Sohn erkannte, und wie groß war die Freude in seinem Hanse, als Eltern und Geschwister statt des linkischen Knaben eine Zierde der Wissenschaft einziehen sahen!" Ein Anderer erzählte von Maimnnis unübertrefflicher ärztlicher Geschicklichkeit folgendes: „Die Hofärzte des Sultans waren von Mißgunst gegen Maimuni erfüllt, weil er sie verdrängte und ihre Kunst verdunkelte, und sie fädelten eine Jntrignc gegen ihn ein, um ihm die Gunst des Sultans zu entziehen. Ein Manns der vorgab blind geboren zu sein, kam vor den Sultan und bat ihn flehentlich, er möge von seinem geschicktesten Arzte ihn operiren lassen, damit er des edelsten Gottesgeschenkes, des Augenlichtes, nicht entbehre. „Wenn du blind geboren bist, wird dies wohl kaum möglich sein," bemerkte der Sultan. „Ich will indessen dein Glück dir nicht absprechen und will sogleich Befehl ertheilen, daß die tüchtigsten Aerzte erscheinen. Kannst du mit Hülfe deiner Kunst diesem blindgeborenen Mann das Augenlicht, wenn auch nur einen schwachen Schimmer verschaffen'?" wandte er sich, als sie eintraten, fragend an Maimuni. „Bist du gänzlich blind geboren'?" fragte nun Maimuni mit herzlicher Theilnahme den ihm unbekannten Mann. „Gänzlich blind, mein Herr!" „Dann muß ich aufrichtig bedauern," erwiderte er ohne Mißtrauen gegen den Blinden. „Dil mußt dein Schicksal mit Geduld und Ergebung tragen. Bei einem Blindgeborenen versagt meine Kunst ihren Dienst." „ Deine Kunst," riefen die anwesenden Aerzte, aber nicht unsere. Wirverpflichten uns, o Sultan, diesem Ungl ücklichen in kurzer Zeit die Sehkraft zu verschaffen." „Wohlan!" rief der Sultan, „das ist ein Fall, an dem eure Kunst erprobt werden kann. Wer den Mann heilt, muß billig den höchsten Rang unter meinen Aerzten einnehmen."