Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1881)
- Date
- 1881-12-01
- Page
- Seite 289 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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289 „Habt ihr denn gar keinen Hunger? Wann werdet ihr denn endlich herein kommen?" rief die Hausfrau ungeduldig ans dem anstoßenden Zimmer. „Oder wollet ihr nicht wenigstens bei Tische euch über das neue Geistesprodukt unterhalten, auf daß auch wir Frauen davon einen Genuß haben?" „Was unseren Hunger anbelangt, gute Schwester, so kann ich sogleich die Antwort aus dem Buche deines Mannes dir ertheilen, sagte lächelnd Abulmaali. Als wichtigen Schlüssel, um in die Pforten seines Gedankenbaues einkehren zu können, erklärt er zu Anfang eine beträchtliche Anzahl mehrdeutiger Worte und Begriffe der hebräischen Sprache, darunter auch das Wort: essen. Da sagt er (I, 80): Es bedeutet ursprünglich das Zusichnehmen von Speise. Nun hatte aber der Geist der Sprache dabei zweierlei entdeckt, daß nämlich zuvörderst die Speise sich a u f l ö s e und i h r e G e st a l t verliere, dann aber die lebenden Wesen dadurch, daß sie Speise zu sich nehmen, ihr Wachsthum, ihre Erhaltung und Fortdauer befördern. Im übertragenen Sinne bedeutet daher das Wort in der Bibel erstlich: zerstören, vernichten, verderben; im anderen Sinne aber auch das Wachsthum, die Förderung in wissenschaftlicher Beziehung, das Znuehmen an Vernunfterkenntnis, wodurch der Geist eine Fortdauer im Zustande der höchsten Vollkommenheit erlangt, gleichwie der Körper durch Speise sich pflegt und erhält. Weil nun dieser Sprachgebrauch bekannt ist, so sind auch die Ausdrücke von Hunger und Durst auf den Mangel an Wissenschaft und Erkenntniß angewendet worden: Ich werde eine Hungersnoth in das Land schicken, sagt der Prophet Amos, nicht Hunger nach Brod, nicht Durst nach Wasser, sondern das göttliche Wort zu vernehmen. — Welchen Hunger nun, ungeduldige Hausfrau, sollen wir zuerst stillen? „Unbedingt den leiblichen," erwiderte sie schlagfertig, „Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Hütte ich meinen Manu nicht sehr sorgsam gepflegt, ah, wie schlecht wäre es um seine wissenschaftlichen Leistungen bestellt!" „Ganz richtig, sehr richtig," stimmte die anwesende Gattin Abulmaalis vergnügt bei, „ich behauptete auch immer, ich wäre die leiblische Mutter seines großen Religionscodexes, wenn er der geistige Vater desselben ist. Wie habe ich ihn da vor seiner Verheiratung mit dir gepflegt! Wir haben ein wohlbegründetes Recht darauf, daß sie uns hier das neue Werk vorlesen. Wir nieinen dies nicht gerade," fügte sie, als sie sich zu Tische setzten, hinzu, „mit Bezug auf die schweren philosophischen Barren, sondern nur auf die Goldkvrner daraus, die auch uns Frauen ergötzen." „Gleich der Anfang," neckte sie Abulmaali, ..wird euch außerordentlich intcressiren, denn er enthält die Widmung an euren Liebling Aknin." Wißt ihr schon, da wir gerade von Aknin reden," unterbrach ihn die Schwester, daß Aknin verheiratet ist?" „Nein, bis jetzt haben wir uoch nichts davon erfahren. Mit wem denn?" „Mit einer Tochter des Geheimschreibers Abulala in Haleb, der in Diensten des Fürsten Ein ad Ed d in steht." „Ihr fallet doch wieder in das Gebiet der Tagesneuigkeiten, habt ihr nicht soeben stürlnisch die geistige Kost mit uns zu theilen verlangt?" spottete Abulmaali. „Darauf bestehen wir noch; lies uns zunächst die Widmung vor," baten die Frauen. 24