Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1881)
- Date
- 1881-12-01
- Page
- Seite 288 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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288 M a i rn o ri i d e s. Historische ErziMing von Or. M. Dessauer, Landesrabbiner von Sachsen-Meiningen. (Schluß.) „Wisse", heißt es in jenem Buche (IT, 25.) „ich würde mich zwar zu sagen scheuen, die Welt sei von Ewigkeit her, jedoch nicht wegen der in der heiligen Schrift vorkommenden Stellen, welche die Schöpfung der Welt betonen, denn es giebt ebenso viele Stellen, welche lehren, Gott sei körperlich, als solche, welche von einer Erschaffung der Welt reden; auch könnten wir bei der Schöpfung ebenso die bildliche Deutung anwenden, wie wir dies behufs Entfernung aller Körperlichkeit von der Gottheit gethan haben. Also nicht deshalb weigerte ich inich, jene Behauptung aufzustellen, sondern aus dem Grunde, weil ich nicht glaube, daß die Welt von Urewigkeit her sei. Dazu bewegen mich zwei Grunde. Der erste ist folgender: Die Unkörperlichkeit Gottes ist durch Vernunftbeweise begründet, deshalb müssen alle jene Stellen, welche Gott als körperlich darstellen, nicht buchstäblich, sondern bildlich gedeutet werden. Die Ewigkeit der Welt aber ist durch keinen unumstößlichen Erweis dargethan worden; es ist also nicht nöthig, dem biblischen Satz Gewalt anzuthun und ihn einer bloßen Ansicht wegen bildlich aufzufassen. Der zweite Grund ist: der Glaube, Gott sei unkörperlich, widerspricht nicht den Grundlagen unseres Glaubens oder den Anschauungen der Propheten, vielmehr ist er der' tiefere Sinn des Bibeltextes. Allein der Glaube an die Ewigkeit der Welt im Sinne des Aristoteles aus dein Grunde, weil kein Naturgesetz verändert werden und keines von seinem gewohnten Gange abweichen könne, würde sämmtliche Wunder als Lügen erklären." „Wenn es sich dir dennoch," sagte Abulmaali, „aus der Vernunft ergeben Hütte, die Welt sei eivig, so würdest du nicht angestanden haben, so lange an der Schrift zu drehen und zu deuten, bis es dir endlich geschienen hätte, daß sie dasselbe lehre. Ja, du würdest überzeugt sein, daß sie, ob sie schon allenthalben dagegen spricht, doch die Urewigkeit der Welt habe lehren wollen. So deutlich also auch der wahre Sinn der Schrift sein mag, du hülst dich dennoch nicht davon überzeugt, solange du noch an der Wahrheit der Sache selbst zweifelst. Die Ansicht, lieber Schwager muß nothwendig einen Sturm gegen dich heraufbeschwören. Du willst Alles, was die Schrift lehrt, mit der Vernunft in Einklang bringen. Abgesehen davon, daß dies nicht imnier möglich ist, wie soll das Volk, welches die Beweise nicht kennt und mit den Gründen und Schlüssen der Vernunft sich nicht befassen kann, die Bibel verstehen'? Soll es von nun mN-lediglich auf die Erklärungen der Philosophen angewiesen sein, wie es bislang blindlings auf die Autorität der Priester und Religionslehrer sich gestützt hat? Ich will nicht gerade in die entgegengesetzte Klippe gerathen und behaupten, die Vernunft müsse die Magd der heiligen Schrift sein und ihr in allen Punkten sich unterordnen. Die Vernunft, dieses göttliche Licht, das größte Geschenk, welches der Schöpfer dem Menschen verliehen, darf nicht denk tobten, durch die Länge der Zeit vielfach entstellten Buchstaben dienen. Aber ich meine, wenn lvir einmal den richtigen Sinn eines Bibelwortes herausgefunden haben, dann müssen wir unser Urtheil und unsere Vernunft anwenden, um ihm beistimmen zu können. So oft sie also die Magd der Schrift ist, soll sie nicht ihre Schleppträgerin sein, sondern die Fackel der Wahrheit ihr vorantragen.